Zwei Jahre Cannabis auf Rezept: Zwischen Boom und Skepsis Von Alexander Sturm und Anna Shemyakova, dpa

08.03.2019 13:31

Seit zwei Jahren können Patienten in Deutschland Cannabis auf Rezept
bekommen. Seither steigt die Nachfrage rasant. Während medizinische
Fragen offen bleiben, hoffen ausländische Firmen auf das große
Geschäft. Nun will auch Israel mitmischen.

Frankfurt/Tel Aviv (dpa) - Die Entscheidung war eine Sensation im
deutschen Gesundheitswesen: Seit dem 10. März 2017 können sich
Patienten medizinisches Cannabis regulär beim Arzt verschreiben
lassen. Seither erlebt das Mittel einen Boom. Ausländische Firmen
kommen nach Deutschland in der Hoffnung auf das große Geschäft, immer
mehr Patienten wollen Cannabis-Therapien - und Ärzte, Apotheken und
Krankenkassen erleben einen ungebremsten Andrang.

Wie Cannabis wirkt, ist schon lange bekannt. Es kann etwa Spastiken
bei Multipler Sklerose oder chronische Schmerzen lindern. Teils aber
ist die medizinische Wirkung nur gering belegt, so bei Übelkeit und
Erbrechen nach Chemotherapien oder beim Tourette-Syndrom, wie die
Bundesärztekammer betont.

Bis zur Liberalisierung war medizinisches Cannabis in Deutschland
eine Nische, nur rund 1000 Kranke hatten eine Ausnahmegenehmigung.
Seither steigt die Nachfrage rasant, zeigen Zahlen des
Apothekerverbands ABDA, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegen.

Demnach gaben im Jahr 2018 Apotheken rund 145 000 Einheiten
cannabishaltiger Zubereitungen und unverarbeiteter Blüten auf Basis
von etwa 95 000 Rezepten zu Lasten der gesetzlichen
Krankenversicherung ab. Das sind mehr als dreimal so viele wie in den
knapp zehn Monaten 2017 von der Freigabe im März bis zum Jahresende:
Damals waren es 27 000 Rezepte und 44 000 Einheiten. Auch wurden 2018
gut 53 000 Packungen Fertigarzneien mit Cannabis-Stoffen abgegeben,
ein Plus von einem Drittel.

Die Zahlen legten nahe, dass deutlich mehr Patienten mit
medizinischem Cannabis versorgt würden, sagte Andreas Kiefer,
Vorstandsvorsitzender des Deutschen Arzneiprüfungsinstituts. «Aber
wir wissen nicht, ob alle Patienten, die von medizinischem Cannabis
profitieren könnten, Zugang dazu haben.» Zahlen zu Cannabis-Patienten
gibt es nicht, laut Schätzungen könnten es rund 15 000 sein.

Auch die Krankenkassen erleben einen Ansturm. Allein bei den großen -
AOK-Bundesverband, Barmer, Techniker und DAK-Gesundheit - gingen 2018
insgesamt 19 600 Anträge auf Erstattung der oft teuren
Cannabis-Therapien ein. Rund zwei Drittel der Anträge bewilligten die
Kassen, in den übrigen Fällen fordern sie meist Informationen nach.

Beim Pflanzenarznei-Hersteller Bionorica stieg der Umsatz mit dem auf
Cannabis basierenden Schmerzmittel Dronabinol im vergangenen Jahr um
10 Millionen auf 27 Millionen Euro. Nach einem Jahrzehnt Verlusten
mit dem Produkt schreibe das Unternehmen damit nun schwarze Zahlen,
teilte Vorststandschef Michael Popp am Freitag mit.

Einige Fragen blieben offen, erklärt der AOK Bundesverband - etwa
jene, welche Diagnose eine Cannabis-Verordnung ermögliche. So
inhalieren Patienten Cannabisblüten bei vielen Erkrankungen, etwa
gegen Depressionen oder Schmerzen bei Multipler Sklerose. Doch eine
klare Indikation für die Anwendung von Blüten gibt es nicht.

Gelten für Medikamente üblicherweise hohe Zulassungshürden, wurde
Cannabis zur Verordnung erlaubt, während der Gesetzgeber die
Wirksamkeit noch begleitend erforschen lässt. Das ruft Kritiker auf
den Plan. Die medizinische Anwendung von Cannabis sei zwar seit mehr
als 4700 Jahren bekannt, heißt es in einem Fachbeitrag der Barmer
Krankenversicherung, «ist aber in vielerlei Hinsicht auch auf einem
vorwissenschaftlichen Stand stehen geblieben.»

Die politischen Bemühungen zum Cannabis-Anbau halten derweil mit dem
Boom kaum mit. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und
Medizinprodukte hat den Anbau von 10,4 Tonnen Medizin-Cannabis an
Firmen ausgeschrieben. Das ist deutlich mehr als zunächst geplant
(6,6 Tonnen), doch Klagen gegen die Regeln verzögern die Vergabe. Die
erste Ernte wird Ende 2020 erwartet, hieß es zuletzt.

Davon profitieren Exporteure aus den Niederlanden und Kanada, die
Cannabis nach Deutschland bringen. Der kanadische Konzern Tilray etwa
verkündete jüngst, Cannabisblüten ab sofort allen hiesigen Apotheken

zur Verfügung stellen. Und der Anbieter Nuuvera sieht ein Potenzial
von Hunderttausenden Hanf-Patienten in Deutschland.

Nun gab Israel grünes Licht für den Export von Medizin-Cannabis -
auch nach Deutschland. Das Land will sich einen Vorsprung sichern:
200 klinische Studien laufen dort. Medizin-Hanf hat in Israel lange
Tradition. Dass die Wirkstoffe THC und CBD Schmerzen lindern und
Krämpfe lösen können, fand der israelische Wissenschaftler Raphael
Mechoulam schon 1964 heraus. Die niedrige Luftfeuchtigkeit und das
günstige Klima machen den Anbau in dem Land effizient. Mehr als 18
Tonnen medizinisches Cannabis werden laut Gesundheitsministerium pro
Jahr produziert. Aber besitzt Isreal genug Ressourcen für den Export?

Dadi Segal, Chef des Pharmaunternehmens Panaxia, ist optimistisch:
«Wir produzieren 50 000 Produkte pro Monat, im Safe liegen drei
Tonnen Cannabis, und wir sind bereit für mehr.» Sollte die Nachfrage
aus dem Ausland steigen, könne Panaxia, einer der größten Produzenten

Israels, in drei Tagesschichten arbeiten. Der deutsche Markt sei sehr
interessant, sagt Segal. «Wir sind mit mehreren Firmen im Gespräch,
die an medizinischem Cannabis aus Israel interessiert wären.»

In Deutschland spüren einige Pharmafirmen die schnell steigende
Nachfrage. So ist der Kölner Verarbeitungsbetrieb «Cannamedical» auf

Exportländer wie Kanada angewiesen. Lieferprobleme ließen sich schwer
ausgleichen, sagt Chef David Henn. Er würde Lieferanten aus Israel
begrüßen. «Die geografische Nähe würde den Export einfacher und
schneller machen.»