Was ist dran? Redensarten zur Liebe auf wissenschaftlichem Prüfstand Von Marco Krefting, dpa

13.02.2019 04:00

Liebe lässt sich auf vielfache Weise beschreiben: Manche sind schier
blind vor Liebe. Andere können sich besonders gut riechen. Und einige
finden sich einfach nur süß. Wissenschaftler erklären aus ihrer
Sicht, was hinter den Liebes-Floskeln steckt.

München/Regensburg (dpa) - Zum Valentinstag säuseln sich so manche
Frischverknallten den einen oder anderen Liebesschwur ins Ohr. Dabei
sind auch Dinge zu hören, die recht abgedroschen klingen: blind vor
Liebe sei man, könne sich gut riechen. Doch was ist da aus
wissenschaftlicher Sicht dran? Und was, wenn man am Ende allergisch
aufeinander reagiert? Ein fachlicher Blick auf das Phänomen Liebe:

Liebe geht durch den Magen: Frisch Verliebte können angeblich allein
von Luft und Liebe leben. Verantwortlich dafür ist wohl das Hormon
Phenylethylamin, das bei Verliebten reichlich gebildet wird und zu
einem gezügelten Appetit führt. Anders sieht es in längeren
Beziehungen aus: Studien zeigen, dass glückliche Paare im Schnitt
mehr wiegen als Singles. Menschen in glücklichen Partnerschaften
wiegen zudem mehr als solche in kriselnden. «Dies ist womöglich auf
den sinkenden Konkurrenzdruck in glücklichen Partnerschaften
zurückzuführen», berichten Martina Müller-Schilling, Sophie Schloss
er
und Stephan Schmid vom Uniklinikums Regensburg (UKR).

Gerade am Valentinstag könnten ein Durcheinander von Hormonen und
damit Chaos im Magen entstehen, sagt Yurdagül Zopf vom Uniklinikum
Erlangen. Beim gemeinsamen Essen werde vermehrt das «Kuschel- oder
Beziehungshormon» Oxytocin ausgeschüttet, das auch den Appetit hemmt.
«Neusten Erkenntnissen nach führt Oxytocin jedoch nicht bei jedem zu
einem Abnehmeffekt, denn es kann auch sein, dass die Lust nach Süßem
verstärkt hervorgerufen wird», so Zopf. In der Phase der Verliebtheit
werde der Körper auch von den Geschlechtshormonen Testosteron und
Östrogen reguliert. «Diese werden hauptsächlich unter Stresseinfluss

ausgeschüttet und führen zu einem unruhigen Magendarmtrakt.» Und die

Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin beim Anblick des Gegenübers
führt im Zusammenspiel mit den Glückshormonen zum Kribbeln im Bauch.

Sich riechen können/Da stimmt die Chemie: Ähnlich wie bei
Organspenden passe es nicht immer zwischen zwei Menschen, erklärt
Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann vom Helmholtz Zentrum
München und der Technischen Universität München. Doch scheint in der

Liebe die Devise «je fremder, umso besser» zu gelten. Dabei geht es
um Immun-Gene, wie Bernhard Weber, Direktor des Instituts für
Humangenetik der Universität Regensburg, erklärt. Diese spielen bei
der Abwehr von Krankheitserregern eine Rolle. Und je
unterschiedlicher der Genpool von Mutter und Vater, desto besser ist
der Nachwuchs für möglichst viele Krankheitserreger gewappnet.

Traidl-Hoffmann sagt, es gebe Hinweise, dass Moleküle auf Oberflächen
von Zellen, die bei der Erkennung des Immunsystems über Freund oder
Feind entscheiden, Duftkomponenten entstehen lassen. «Das trägt zum
Körpergeruch bei.» Und über die Luft gelangen die Moleküle an die
Riechrezeptoren in der Nase. «Das Gehirn entscheidet dann: passt oder
passt nicht.» Tests zufolge reicht laut Weber schon der Geruch eines
getragenen T-Shirts aus, damit man einen Partner mit deutlich anderen
Immun-Genen auswählt. «Interessant ist zudem, dass es offensichtlich
ein Optimum für den genetischen Unterschied der Immunausstattung von
zwei Sexualpartnern gibt», sagte er. Zuviel Diversität könne zu
autoaggressiven T-Zellen führen, die womöglich körpereigenes Gewebe
angreifen und Autoimmunerkrankungen auslösen.

Jemanden süß finden: «Schon als Kinder wissen wir, dass süß gut i
st»,
sagt Paul Pfluger, der die Abteilung Neurobiologie des Diabetes am
Helmholtz Zentrum München leitet. «Kleinkinder stehen in der Regel
auf Schokolade. Es gibt nur wenige, die das nicht mögen.» Zudem habe
Schokolade für viele einen Belohnungseffekt, einen «hedonistischen
Wert». «Je weniger man isst, je mehr man fastet, desto mehr Freude
hat man», erklärt der Wissenschaftler. Daher werde der Begriff wohl
auch in anderen Themenbereichen positiv besetzt verwendet.

Gleich und gleich gesellt sich gern: Gerade bei auf Dauer angelegten
Beziehungen ähnelten sich Partner nachweislich sehr häufig, sagt der
Psychologe Roland Deutsch von der Würzburger Universität. Das sei für

das Zusammenleben wichtig: «Eine total introvertierte Person wird es
schwierig haben mit einem sehr Extrovertierten, eine Nachteule mit
einem Frühaufsteher.» Homogamie heißt der Fachbegriff für
Gleichartigkeit von Partnern etwa beim sozioökonomischen Status oder
der Attraktivität. Nun könnte man meinen, jeder hätte gern einen
besonders attraktiven Partner. «Aber es gibt einen Marktaspekt», sagt
Deutsch. Die Attraktivsten finden sich, dann die Zweitattraktivsten
und so weiter. «Und wenn es eine starke Unähnlichkeit gibt, fördert
das die Eifersucht bei den Partnern, die schlechter abschneiden.»

Gegensätze ziehen sich an: Was hat es dann damit auf sich? Dieses
Sprichwort treffe deutlich seltener zu, sagt Deutsch. Es gebe
manchmal den «Romeo-und-Julia-Effekt»: dass eine Beziehung
kurzfristig gestärkt wird, wenn das Paar das Gefühl hat, dass das
Umfeld sie nicht gutheißt. Bei Heterosexuellen unterschieden sich
Männer und Frauen teils auch hinsichtlich ihrer Vorlieben bei der
Partnerwahl. So achteten Männer beim anderen Geschlecht
beispielsweise stärker aufs Aussehen als Frauen. Johannes Kornhuber,
Psychiater am Uniklinikum Erlangen, ergänzt: Frauen suchten eher nach
Status und Intelligenz. «Dies passt zu dem Klischee eines mächtigen
Mannes mit hübscher Frau an seiner Seite.»

Treffen unterschiedliche Meinungen und Erfahrungen aufeinander, habe
das durchaus Vorteile wie ausgewogenere Sichtweisen und klügere
Handlungen, sagt Kornhuber. «Dies ist ein wichtiges Argument für das
Streben nach Diversität in Firmen. Und dies gilt auch in einer
Zweierbeziehung.» In der asiatischen Tradition stünden Yin und Yang
für einander entgegengesetzte und dennoch aufeinander bezogene
Kräfte. Dabei stehe das weiße Yang für männlich (aktiv, Bewegung) u
nd
das schwarze Yin für weiblich (passiv, Ruhe). «Wie bei Yin und Yang
ergeben gerade die unterschiedlichen Sichtweisen in der Zusammenschau
ein harmonisches und besseres Ganzes.» Auch manche gegensätzlichen
Persönlichkeitseigenschaften passten wie ein Schlüssel ins Schloss,
etwa sich gerne führen lassen und gerne führen.

Liebe macht blind: Ein Botenstoff, der im Gehirn das Gefühl von
Verliebtheit entstehen lässt, ist Dopamin. Thomas Loew, Leiter der
UKR-Abteilung für Psychosomatische Medizin, vergleicht die Wirkung
mit einer wahnhaften Störung. Amerikaner sagten dazu jargonhaft
«firm, fixed, false idea». ««Firm» bedeutet, die Person ist von d
em
Sachverhalt überzeugt, ohne dass es weitere Argumente bräuchte.
«Fixed» meint, der Zustand hält einige Zeit an, allgemein bei der
Verliebtheit etwa sechs Wochen. «False» bedeutet, dass nicht
unbedingt jeder im Umfeld die uneingeschränkt positive Bewertung des
Objekts der Begierde teilt», so Loew. Oder anders gesagt: Verliebte
sind blind für etwaige Fehler des Geliebten. Endorphine, die
Glücksgefühle vermitteln und schnell Zufriedenheit herstellen können,

führen laut Loew dazu, dass Liebende sich zumindest anfangs
vollkommen ausreichten. «Kommt dann noch die körperliche Berührung
ins Spiel, wird zusätzlich das Oxytocin - gerne auch Kuschelhormon
genannt - aktiviert, das auf Dauer eine Bindung entstehen lässt.»

Alles miteinander teilen: Das kann manchmal ganz schön weit gehen:
Derzeit forschen Umweltmedizinerin Traidl-Hoffmann und ihr Team zu
der Frage, ob sich Partner mit der Zeit auch das Mikrobiom - also die
Summe aller Mikroorganismen - auf der Haut teilen. «Das kann dann
Krankheitsbilder beeinflussen», erklärt die Medizinerin. So könnte
etwa bei Neurodermitis-Patienten durch die Mikroben des Partners ein
entsprechender Hautausschlag gefördert werden.

Von Liebe infiziert: Der Leiter der Stabsstelle Infektiologie des
UKR, Bernd Salzberger, vermutet keinen wissenschaftlichen, sondern
eher einen kulturellen Hintergrund dieser Floskel, da der Begriff
lange vor einem modernen Verständnis von Infektionskrankheiten
entstanden ist. «Wie eine Infektionskrankheit kann auch die Liebe
Menschen so transformieren, dass die Umgebung annimmt, hier ist es zu
einem Verlust der Gesundheit - oder des gesunden Menschenverstands -
gekommen», erklärt der Mediziner. Und der Pfeil Amors könne als Bild

eines Infektionserregers gedeutet werden. Auch sei Liebe als Phänomen
ansteckend, trete also in Gruppen gehäuft und in zeitlichem
Zusammenhang auf. Und letzten Endes bringe die Liebe auch eine Reihe
von Infektionsgefahren mit sich: etwa die Übertragung des
Epstein-Barr-Virus, das die «Kusskrankheit» auslöst, bis zur
HIV-Infektion.

Allergisch aufeinander reagieren: Auch wenn es mal nicht passt mit
einem Gegenüber, haben Forscher eine mögliche wissenschaftliche
Erklärung parat: So können etwa Duftstoffallergien jede Zweisamkeit
verderben. Die in Parfüms, Cremes oder Seifen enthalten Duftstoffe
wie Eugenol oder Limonen lösten bei einigen Menschen Allergien aus,
so Traidl-Hoffmann. «Wenn man darauf allergisch ist, reicht schon
eine geringe Menge.» Doch auch hier gilt der Spruch, die Dosis mache
das Gift: «Je länger der Abstand ist, desto besser. Wenn Sie sich
morgens einparfümieren, geht das Date am Abend deswegen nicht in die
Hose.» Wo wir schonmal an der Gürtellinie sind, weist die Medizinerin
auf einen weiteren möglichen Lustkiller hin: «Es gibt Frauen, die auf
Sperma allergisch reagieren.» Auslöser ist das prostataspezifische
Antigen, das zu Verflüssigung des Ejakulats beiträgt.