Herausragender Denker: Nobelpreisträger Eigen ist tot Von Matthias Brunnert, dpa

07.02.2019 14:40

Sein erstes Berufsziel war die Musik. Doch nach dem Krieg begann er
ein naturwissenschaftliches Studium und erhielt später den Nobelpreis
für Chemie: Manfred Eigen war einer der vielseitigsten deutschen
Forscher.

Göttingen (dpa) - Ursprünglich wollte Manfred Eigen Pianist werden.
Er wurde am 9. Mai 1927 in Bochum als Sohn einer Musikerfamilie
geboren und gab als Jugendlicher bereits Konzerte. Doch dann kam
alles anders: Aus der französischen Kriegsgefangenschaft lief der
damals 18-Jährige von Straßburg aus zu Fuß nach Göttingen, wo er 19
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mit dem Studium der Physik und der Chemie begann. Es sollte der
Beginn einer Laufbahn werden, die ihn zu einem der vielseitigsten und
wichtigsten deutschen Naturwissenschaftlern machte. Am Mittwoch ist
Manfred Eigen im Alter von 91 Jahren gestorben, wie das Göttinger
Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie am Donnerstag
mitteilte.

«Mit dem Tod von Manfred Eigen verlieren wir einen herausragenden
Denker und genialen Forscher, der das Leben von Mitarbeitern und
Wissenschaftlern auf der ganzen Welt maßgeblich geprägt hat», sagte
der Göttinger Nobelpreisträger und Max-Planck-Forscher Erwin Neher
über seinen Kollegen. «Dass wir Manfred Eigen als Mentor haben
durften, war ein Segen - für seine Mitarbeiter ebenso wie für das
weitere Umfeld in Göttingen».

Nachdem Eigen 1953 von der Universität Göttingen zur
Max-Planck-Gesellschaft gewechselt war, gelang ihm dort eine
Pionierarbeit, für die er 1967 zusammen mit den britischen Kollegen
Ronald Norrish und George Porter den Chemie-Nobelpreis erhielt: Die
Forscher entwickelten eine Methode, mit der chemische Reaktionen von
weniger als einer millionstel Sekunde Dauer untersucht werden können.

Fünf Jahre nach seinem Wechsel zur Max-Planck-Gesellschaft wurde
Eigen 1958 zum Direktor an deren Institut für physikalische Chemie
berufen. Auf seine Initiative ging daraus später das heutige Institut
für biophysikalische Chemie hervor. Eigens Vision war es, komplexe
Lebensvorgänge mit biologischen, chemischen und physikalischen
Methoden zu erforschen.

Nach seiner Habilitation 1971 an der Universität Göttingen
entwickelte der Forscher ein viel beachtetes physikalisch-chemisches
Modell zur Entstehung des Lebens: Danach bestanden die ersten
Lebewesen aus wenigen organischen Bausteinen. Eigen untermauerte
seine Theorie mit der These der Selbstorganisation der Materie und
der Evolution biologischer Makromoleküle.

Später wandte er sich der Biochemie zu und beschäftigte sich mit
Fragen der Evolution. Eigen gilt als Mitbegründer der sogenannten
evolutiven Biotechnologie. Mit den von ihm und seinen Mitarbeitern
entwickelten Evolutionsmaschinen lassen sich grundlegende Mechanismen
der Evolution untersuchen, beispielsweise die Tricks, mit denen das
Aids-Virus und andere Krankheitserreger das Immunsystem überlisten.

Bis ins hohe Alter blieb der Ehrenbürger der Stadt und Ehrensenator
der Universität Göttingen seinem Institut verbunden. So habe Eigen
noch mitgefeiert, als Stefan Hell im Jahr 2014 den Nobelpreis für
Chemie erhielt, sagte Max-Planck-Sprecherin Carmen Rotte. Hell
würdigte Eigen am Donnerstag als «unbändigen Forschergeist», dessen

Ansatz es stets gewesen sei, «für Probleme die eleganteste und für
alle am besten tragbare Lösung zu finden.»

Eigen wurde so häufig geehrt wie kaum ein anderer deutscher Forscher.
Neben dem Nobelpreis erhielt er eine große Anzahl weiterer
renommierter Auszeichnungen, darunter den Otto-Hahn-Preis für Chemie
und Physik (1962) sowie den Paul-Ehrlich- und
Ludwig-Darmstädter-Preis (1992). Zudem wurden ihm 15
Ehrendoktorwürden verliehen. Er war Mitglied zahlreicher nationaler
und internationaler Akademien und Mitbegründer zweier Unternehmen.

Sein ehemaliges Institut werde dem Nobelpreisträger zu Ehren ein
wissenschaftliches Symposium ausrichten, sagte die
Max-Planck-Sprecherin. Ein Termin stehe noch nicht fest.