Dunkle Wolken über weißen Klippen: Wie der Brexit Dover bedroht Von Silvia Kusidlo, dpa

08.01.2019 09:00

Die britischen Parlamentarier debattieren von Mittwoch an im
Unterhaus wieder über das Brexit-Abkommen. Sollten sie bei einer
Abstimmung wenige Tage später den Deal ablehnen, droht ihrem Land ein
Chaos. Besonders hart dürfte es die Hafenstadt Dover treffen.

Dover (dpa) - Während sich die Abgeordneten in London unvermindert
über das Brexit-Abkommen zanken, braut sich über der Hafenstadt Dover
ein unheilvolles Szenario wie ein schweres Gewitter zusammen.

Es sieht so aus: Etwa 10 000 Lastwagen bleiben in Staus hinter den
berühmten weißen Klippen stecken oder müssen lange auf stillgelegten

Autobahnabschnitten ausharren. Die Luft wird durch das Verkehrschaos
immer schlechter. Behörden bleiben zeitweise geschlossen, da die
Mitarbeiter ihre Büros nicht erreichen können. Der Abfall stapelt
sich in den Straßen, denn für viele Müllwagen gibt es kein
Durchkommen. Kinder erreichen ihre Schulen nicht, frische
Lebensmittel vergammeln noch während des Transports in Lkw-Kolonnen.

Die düsteren Vorhersagen stammen nicht aus einem Endzeit-Film,
sondern aus einer Studie des Rats der Grafschaft Kent. Realität
könnten sie werden, falls Großbritannien am 29. März ohne Abkommen
aus der EU ausscheiden sollte. Angesichts der verfahrenen Situation
im Parlament scheint das immer realistischer. Von Mittwoch an werden
die Abgeordneten wieder über den Brexit debattieren. In der dritten
Januarwoche sollen sie dann über den Austrittsvertrag abstimmen, den
Premierministerin Theresa May mit Brüssel ausgehandelt hat.

Der keine 40 Kilometer breite Ärmelkanal zwischen Dover und Calais
bietet mit seinen Fähren und dem nahe gelegenen Eurotunnel die
wichtigste Verbindung zwischen Großbritannien und dem Festland - vor
allem für Waren, die sehr schnell ans Ziel müssen. Bei einem «No
Deal» wären jedoch von einem Tag auf den anderen Zollkontrollen
nötig. Die Region würde sich zu einem Nadelöhr entwickeln - und
Prognosen zufolge bis zu sechs Monate bleiben.

Egal, wen man in Dover befragt: Die Leute sind frustriert. «Wir
wissen einfach nicht, wie es weitergeht», schimpft eine Mitarbeiterin
im Fremdenverkehrsamt. «Die Politiker sagen uns ja nichts.» Die
Geschäftsführerin eines Drogeriemarkts macht sich zwar keine Sorgen
um ihr Warensortiment, aber um ihren Bruder: «Er ist Elektriker und
weiß nicht, wie sein Geschäft hier in Dover nach dem Brexit
weiterlaufen soll. Wenn die Leute in unsicheren Zeiten keine Häuser
mehr bauen, dann hat er auch keine Arbeit mehr.»

Die britischen Behörden seien kaum darauf vorbereitet, das drohende
Chaos in Dover zu verhindern, warnte der Präsident des Deutschen
Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Eric Schweitzer.
«Just-in-Time-Produktions- und Lieferketten stehen auf dem Spiel.»

Schiffe transportierten 2017 mehr als 2,6 Millionen Lastwagen über
die Meeresenge - vollgepackt etwa mit Autoteilen und Medikamenten. Im
Nachbarort Folkestone verkehren außerdem Züge durch den Eurotunnel;
sie transportieren viele Lkw mit Fracht und Container huckepack unter
dem Meeresboden auf die andere Seite des Ärmelkanals.

Empfindliche Waren können bei zeitraubenden Kontrollen und Staus
unbrauchbar werden. Daher platzen die Hallen in Großbritannien schon
aus den Nähten. «So viel Lagerkapazitäten, wie gebraucht werden, gibt

es gar nicht», sagte der Hauptgeschäftsführer der deutsch-britischen

Industrie- und Handelskammer (IHK), Ulrich Hoppe, in London. «Gerade
bei Frischprodukten wie Lebensmitteln ist das ein Thema.»

Etwa 90 Prozent der Arzneimittel, die nach Großbritannien importiert
werden, kommen über Dover. Der britische Gesundheitsminister Matt
Hancock rief Pharmaunternehmen und den staatlichen Gesundheitsdienst
NHS (National Health System) dazu auf, Medikamente für sechs Wochen
zu horten und Arzneien eventuell per Flugzeug ins Land zu bringen.
Der BBC sagte er im Dezember, die britische Regierung sei inzwischen
der größte Abnehmer von Kühlschränken weltweit.

Die über wohl Monate verstopften Straßen werden den Prognosen zufolge
Auswirkungen auf viele Bereiche haben. So müsse der Zugang zu Schulen
und Krankenhäusern ebenso sichergestellt werden wie der Transport von
Toten zu Leichenhallen. Um die Situation auf den Straßen etwas zu
entspannen, soll möglichst vielen Verwaltungsangestellten für drei
bis sechs Monate das Arbeiten von Zuhause ermöglicht werden.

Ob solche Maßnahmen etwas nützen? Der Verband für Straßentransporte

(RHA) spricht von «grässlichen No-Deal-Plänen» der Regierung und

fürchtet eine Katastrophe: Die Pläne für Zollkontrollen seien so
praxisfern, dass es acht Stunden dauern könnte, bis ein normaler Lkw
aus Calais etwa mit Lebensmitteln in Dover freigegeben werden würde.

London schätzt, dass über die Route Calais-Dover bei einem Brexit
ohne Abkommen nur 12 bis 25 Prozent der üblichen Kapazität zu
schaffen sein werden. Die Lastwagen könnten sich schnell auf 50
Kilometer stauen. Paul Carter vom Grafschaftsrat fordert von der
Regierung «mehr Informationen, wie sie mit uns künftig
zusammenarbeiten will».

Doch das Vertrauen wird oft erschüttert. Wer zum Beispiel die
Bedeutung des Ärmelkanals für den Handel nicht in vollem Ausmaß
kannte, war ausgerechnet der ehemalige Brexit-Minister Dominic Raab.
Er räumte das noch während seiner Amtszeit freimütig ein und sprach
geläutert von einer «Hauptader des britischen Handels».

Hohn und Spott gab es auch für den Plan der Regierung, mit
zusätzlichen Fähren die Lieferengpässe für Waren bei einem «No De
al»
zu verringern: Der Sender BBC fand heraus, dass einer der Aufträge an
eine Reederei gegangen war, die ihren Betrieb noch gar nicht
aufgenommen hat. Verkehrsminister Chris Grayling verteidigte den
Vertrag in Höhe von rund 15 Millionen Euro (13,8 Millionen Pfund) mit
der «Firma ohne Schiffe» als Förderung eines Start-up-Unternehmens.