Humboldt, Toiletten und Kroketten: Was Jahres- und Gedenktage bringen Von Marco Krefting, dpa

07.01.2019 04:00

Der jüngste ist gerade mal ein paar Wochen alt: Die Liste der
Internationalen Tage der Vereinten Nationen hat mehr als 150
Einträge. Noch länger sind Sammlungen all der kuriosen Ableger und
PR-Gags. Doch was bringen diese Gedenk- und Feiertage überhaupt?

Bonn/Bayreuth (dpa) - Clara Schumann wird in diesem Jahr eine Ehre
zuteil, die einen Tag später Alexander von Humboldt bekommt: Für den
13. und 14. September 2019 hat die Unesco-Generalkonferenz Gedenktage
zum 200. Geburtstag der Pianistin und zum 250. Geburtstag des
Naturforschers angesetzt. Es sind einmal begangene Spezialitäten
neben der Liste wiederkehrender Internationaler Tage, Wochen, Jahre
und Dekaden der Vereinten Nationen. Allein deren Sammlung
Internationaler Tage umfasst mehr als 150 Einträge. Den jüngsten hat
die UN-Generalversammlung erst Anfang Dezember beschlossen: Fortan
ist der 24. Januar Internationaler Tag der Bildung. Doch was bringen
diese ganzen Gedenktage überhaupt?

«Die Festschreibung eines Gedenktages oder einer Dekade per
Resolution hat keine verbindlichen Auswirkungen auf Staaten oder
UN-Organisationen», erklärt Isabel Hofstätter vom regionalen
UN-Informationszentrum für Westeuropa. «Vielmehr ist sie eine
Einladung und Empfehlung für Staaten und UN-Organisationen, diesen
Tag zu begehen.» Bei der Unesco klingt das etwas staatstragender:
«Sie erinnern an Leistungen der Völkergemeinschaft, geben Anlass zur
Reflexion über weltweite Probleme, lenken die Aufmerksamkeit auf
wichtige Zukunftsthemen und motivieren Menschen zu mehr Engagement.»
Messen lassen sich die Erfolge - wenn man so will - also kaum.

Katja Römer von der Deutschen Unesco-Kommission erklärt: «Der Erfolg

bestimmt sich weitestgehend durch die Aufmerksamkeit, die auf das
jeweilige Thema durch die Begehung eines Welttages fällt.» Auch
politisch Verantwortliche nähmen diese Tage als Anlass, sich zu
äußern und Themen noch einmal stärker auf die politische Agenda zu
heben.

Oft weisen Internationale Tage auf Missstände hin. So soll der
Welttoilettentag (19. November) auf das Fehlen ausreichend
hygienischer Sanitäranlagen in vielen Teilen der Welt aufmerksam
machen. Ähnlich bekannt dürfte der Welt-Aids-Tag (1. Dezember) sein.

Es gibt aber auch solche ohne größeren öffentlichen Widerhall wie d
en
Welttag der Aufklärung über Autismus (2. April) und den Welttag des
Thunfischs (2. Mai). An manchen Daten drängt es sich sogar. So ist
der 21. März Welttag des Down-Syndroms, Internationaler Tag zur
Beseitigung der Rassendiskriminierung, Welttag der Poesie,
Internationaler Tag der Wälder und Internationaler Nouruz-Tag,
anlässlich des Neujahrs- und Frühlingsfestes im iranischen
Kulturraum.

Ein Grund dafür sei, dass die Tage oft mit bestimmten Ereignissen
verknüpft sind, so Hofstätter. Ein Beispiel sei auch der
Welternährungstag am 16. Oktober. An dem Tag im Jahr 1945 wurde die
Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen
gegründet.

«Sowohl Mitgliedstaaten als auch UN-Organe können Gedenktage oder
Internationale Tage, vorschlagen», erläutert Hofstätter. «Natürli
ch
muss das Thema oder Ereignis globale Relevanz haben, und die Mehrheit
der UN-Mitgliedsstaaten muss dahinter stehen.» Kriterien oder
Anforderungen für einen potenziellen Gedenktag gebe es aber nicht.

Ad absurdum geführt werden die durchaus ernsten Anliegen durch
zahlreiche von Vereinen, PR-Beauftragten oder Privatleuten erfundenen
Gedenk- und Aktionstage. So listet die Internetseite feiertags.info
etwa einen Weltkrokettentag (28. Februar) und einen Weltdufttag (27.
Juni) auf. Zum Jogginghosentag (21. Januar) wird regelmäßig die
Kritik von Modeschöpfer Karl Lagerfeld an Jogginghosenträgern aus der
Mottenkiste gekramt. Und der Pi-Tag erfreut vor allem Mathematiker
aus dem englischsprachigen Raum, weil er am 14. März zelebriert wird,
in anglophiler Schreibweise 3/14 - was Fachleute und manche Laien
sofort an die berühmte Kreiszahl erinnert.

Aus Sicht des Soziologen Georg Kamphausen von der Uni Bayreuth ist
die «Veralltäglichung von Feiertagen ein massiver Angriff auf unser
Bedürfnis auf Ordnung». Kirchliche Feiertage seien früher ein Anlass

gewesen, innezuhalten, zur Ruhe zu kommen. Das sei verbunden gewesen
mit einer Ritualisierung samt festen Handlungen und in der Kirche
sogar festgelegten Farben, die Priester etwa an Ostern tragen.
«Beim Volkstrauertag funktioniert das noch», sagt Kamphausen. «Die

Feuerwehrkapelle zieht auf, ein Kranz wird niedergelegt. Alle sind
gut gekleidet und machen ein betroffenes Gesicht.»

Wenn aber jeder Tag gewissermaßen zum Festtag werde, entstehe eine
Beliebigkeit, sagt der Professor für Politische Soziologie. «Wir
können sagen, wir haben uns um das Problem gekümmert. Das bleibt aber
unverbindlich.» Das menschliche Bedürfnis, etwas Wichtiges zu
verankern, werde durch die Vielzahl der Gedenktage hinfällig.

Übrigens schrumpft die Tage-Liste hin und wieder auch - schlicht weil
es das ursprüngliche Problem nicht mehr gibt. So entfielen mit der
Unabhängigkeit Namibias und dem Ende der Apartheid in Südafrika vier
Internationale Tage. Das ist laut Hofstätter aber eine Seltenheit.