«Ein Jahrhundert in Bewegung»: Fontane als Reporter Von Wilfried Mommert, dpa

01.01.2019 01:48

Theodor Fontane wurde vor allem mit den «Wanderungen durch die Mark
Brandenburg» und «Effi Briest» berühmt. Weniger bekannt ist, dass e
r
fast 40 Jahre als Journalist arbeitete. Dieser «aktuellen» Spur geht
zum Jubiläumsjahr jetzt eine neue Biografie nach.

Berlin (dpa) - Der Mann, der Mitte des 19. Jahrhunderts mit Skizzen-
und Notizbüchern seine Wanderungen und Fahrten durch die Mark
Brandenburg unternimmt, berichtete auch über die Eröffnung der
Londoner U-Bahn, Debatten über das Frauenwahlrecht, die britischen
Kolonialkriege und den amerikanischen Bürgerkrieg. Dieser Weitblick
des Journalisten und späteren Romanciers Theodor Fontane, dessen 200.
Geburtstag 2019 (30. Dezember) mit zahlreichen Neuerscheinungen,
Ausstellungen und Festveranstaltungen das ganze Jahr über gefeiert
wird, ermöglichte auch, sein Verständnis von Heimat zu weiten.

Diesen «modernen Fontane» porträtiert der Potsdamer Historiker und
Literaturwissenschaftler Iwan-Michelangelo D'Aprile in der
kritisch-differenzierten Biografie («Fontane - Ein Jahrhundert in
Bewegung», Rowohlt Verlag). D'Aprile stellt unter anderem den
gelernte Apotheker aus Neuruppin als «Apotheker auf der Flucht», den
«Revolutionär» und Konservativen wie auch den Kulturjournalisten,
Medienbeobachter und leidenschaftlichen «Zeitungsmenschen», den
Zeitkritiker und schließlich im Alter den «Romancier der Hauptstadt»

vor.

Parteipolitisch hat sich Fontane allerdings nie richtig positionieren
wollen, was ihm auch den Ruf eines «unsicheren Kantonisten»
eingetragen hat, er war weder echter Konservativer noch feuriger
Liberaler, er pflegte demokratische Anschauungen ohne
Parteizugehörigkeit mit einem «heiteren Darüberstehen» («Was soll
der
Unsinn?»). Seine politischen Ansichten waren nach eigenen Worten
immer «etwas wackliger Natur». Im Grunde sei er eine
«preußisch-konservative Natur mit starkem Freiheitsgefühl» gewesen,

wie es in einer früheren Werkausgabe (des Deutschen Bücherbundes)
einmal hieß. Er habe auch zwischen der Idee und der tatsächlichen
Erscheinung des «Preußentums» kritisch unterschieden, falsche
Schwärmereien seien ihm zuwider gewesen.

Schon bald nach seinem Tod 1898 wurde Fontane von Zeitgenossen neben
Gottfried Keller oder Theodor Storm als wichtigster Begründer des
realistischen Gesellschaftsromans im deutschen Sprachraum gewürdigt,
als «der erste eigentliche Großstädter in unserer Literatur». Mit
«Effi Briest» gelang Fontane einer der ersten bedeutenden deutschen
Gesellschaftsromane, denen Thomas Mann nur wenige Jahre später mit
«Buddenbrooks» zu Weltruhm verhalf. Vielleicht war die Namenswahl
kein Zufall beim Fontane-Verehrer Mann, taucht doch im 28. Kapitel
von «Effi Briest» bereits der Name Buddenbrook auf.

Fontane habe «im Plauderton ein großes Bild seiner Zeit» entworfen,
meinte rund 100 Jahre später der schottische Historiker Gordon A.
Craig (im «Spiegel»). Der Publizist und Mitgründer der «Freien Bü
hne»
im Kaiserreich, Maximilian Harden, meinte anlässlich Fontanes 70.
Geburtstag 1889, der alte Fontane schreite in der Reichshauptstadt
«den Jüngsten und Modernisten rüstig voran im wilden
Literaturstreit».

Vor allem aber, so hebt die neue Biografie hervor, ist Fontanes Thema
oft der Umgang der Gesellschaft mit Normverstößen, was die heute
längst vergangenen Zeiten der Postkutschen, Pferdebahnen und
Gaslaternen in der Beschreibung Fontanes noch immer aktuell macht.
«Mich ekelt, was ich gethan», sagt die Ehebrecherin Effi Briest,
«aber was mich noch mehr ekelt, ist eure Tugend». Das reizte auch
Gustaf Gründgens und Rainer Werner Fassbinder in ihren Verfilmungen
von «Effi Briest» 1939 mit Marianne Hoppe und 1974 mit Hanna
Schygulla oder zuletzt 2009 Hermine Huntgeburth in ihrem Film mit
Julia Jentsch.

Fontane warnte auch vor scheinbar unveränderlichen Wahrheits- und
Moralbegriffen. Die im Kaiserreich als Duell getarnten «Ehrenmorde»
waren nur ein Beispiel für die überholten Moralauffassungen der
preußischen «Oberschicht». Fontane wurde zunehmend kritisch gegen
einen «beschränkten, selbstsüchtigen Adel», den «ewigen
Reserveoffizier» und gegen eine «bornierte Kirchlichkeit».

Vor allem aber verdeutlicht die jetzt erschienene Biografie als
kleine Kulturgeschichte, wie sehr Fontanes Leben und Werk mit der
lebendigen Literatur-, Alltags-, Kneipen- und Künstlerszene in
Berlin, Leipzig und Dresden verbunden war. Dazu gehört auch, wie hier
eindrucksvoll belegt wird, die rasante Technik- und
Kommunikationsentwicklung des Eisenbahn- und Telegrafenzeitalters im
19. Jahrhundert sowie der beginnende Massentourismus. Schon 1844 nahm
Fontane an einer der ersten touristisch organisierten Reisen nach
London teil. Bemerkenswerterweise trug das «Unterhaltungsblatt für
die gebildete Welt» den Titel «Eisenbahn», in dem auch viele
Fontane-Artikel erschienen, wie überhaupt die meisten Werke Fontanes
zunächst in Zeitungen und Zeitschriften als Fortsetzungen erschienen
(die damaligen TV-Serien), die danach erscheinenden Bücher waren eher
«Zweitverwertung» und brachten auch nicht das gleiche Honorar ein.

Seine Schottland-Reisen und -Berichte reflektieren ausführliche
Landschaftsbeschreibungen, die damit seine «Wanderungen durch die
Mark Brandenburg», durch die «Streusandbüchse des Heiligen Römische
n
Reiches Deutscher Nation», vorwegnahmen - keiner anderen deutschen
Landschaft sei eine so liebevolle Beschreibung gewidmet worden, hieß
es später einmal. Seine Schottland-Berichte reflektieren auch
Zeitungsmeldungen über technische Katastrophen wie Eisenbahn- und
Fährunglücke oder Brückeneinstürze, immer wieder kommt der Jounalis
t
und Amateur-Historiker Fontane durch. Dazu gehören Balladen wie «Die
Brück' am Tay», «Archibald Douglas», «Der Tower-Brand» oder «
John
Maynard», die bis in die jüngste Zeit zur Schullektüre gehörten.

In London war Fontane vor allem als Zeitungskorrespondent und
Pressemitarbeiter des preußischen Botschafters tätig, was ihm damals
auch den Ruf als «Regierungs-Schweinhund» und «Agenten Preußens»

eintrug. Über 12 Jahre lang schrieb Fontane auch «Kriegsbücher» vom

Deutsch-Dänischen Krieg 1864, vom Preußisch-Österreichischen Krieg
(Deutscher Krieg 1866) und vom Krieg gegen Frankreich (1870/71), bei
dem der Schriftsteller und Reporter mit französischen Wurzeln (aus
einer Hugenotten-Familie) als Spion verdächtigt wurde und sogar in
Gefangenschaft geriet, als er den Geburtsort von Johanna von Orleans
besuchen wollte (Bismarck selbst musste intervenieren), worüber
Fontane prompt seine Erlebnisse niederschrieb und veröffentlichte
(«Kriegsgefangen - Erlebtes 1870»).

In der Heimat aber war Fontane vor allem Zeuge des rasanten Wandels
der boomenden Reichshauptstadt (mit Mieterverdrängungen, die auch ihn
selbst betrafen), was sich in Berliner Gesellschaftsromanen wie «Frau
Jenny Treibel», «Stine» oder «Irrungen, Wirrungen» niederschlug.
Als
langjähriger Theaterkritiker mit Stammsitz Nr. 23 im Königlichen
Schauspielhaus (dem heutigen Konzerthaus am Gendarmenmarkt) und in
den Häusern der rebellischen «Freien Bühne» begleitete er das
pulsierende Bühnenleben Berlins mit neuen «Star-Autoren» wie Henrik
Ibsen und Gerhart Hauptmann, dessen Drama «Die Weber» die kaiserliche
Zensur als «Umsturzdrama» verdächtigte und das von Wilhelm II. als
«Rinnsteinkunst» beschimpft wurde.

Als leidenschaftlicher Zeitungsleser verfolgte Fontane, wie die
Biografie belegt, enthusiastisch die stürmische Entwicklung der
Reichshauptstadt auch als Pressemetropole mit Verlagen wie Ullstein,
Mosse und Scherl im Zeitungsviertel an der Kochstraße. Fontanes
Begeisterung stand nach Ansicht von D'Aprile im Kontrast zu damaligen
kulturpessimistischen Tönen über die Massenpresse, deren
«Zeitungsdeutsch» oftmals als «Schweinedeutsch» beschimpft wurde.
Aber die Zeitungen öffneten den Horizont und ließen die Welt
näherrücken.

Diese und andere, vor allem soziale Fragen und die Zukunft des
Kaiserreiches in einer Gesellschaft im Umbruch mit der zunehmenden
Industrialisierung und damit einhergehenden enormen
Wanderungsbewegungen zwischen Stadt und Land ließen den Romanautor
und Journalisten Fontane bis zuletzt keine Ruhe. Der Überlieferung
zufolge ist Fontane mit der Zeitung in der Hand gestorben - am 20.
September 1898.