Rakete im Gesicht, Böller in der Hand - Silvester in der Notaufnahme Von Gisela Gross, dpa

30.12.2018 04:00

Möglichst laut und bunt soll es sein: Feuerwerk gehört für viele
Menschen einfach zu Silvester dazu. Die Kehrseite zeigt sich
alljährlich in Kliniken. Ärzte berichten von typischen und kuriosen
Unfällen.

Berlin (dpa) - Sie feuern Raketen aus der Hand ab. Werfen Böller aus
dem Fenster. Importieren sprengstarke Pyrotechnik aus dem Ausland.
Sammeln am Neujahrsmorgen Blindgänger auf. Oder halten Böller als
Mutprobe extra lange in der Hand. Nicht nur alkoholisierte
Knaller-Freunde kommen an Silvester auf Ideen. «Der männlichen
Experimentierfreude sind da keine Grenzen gesetzt», sagt Angela
Kijewski, Sprecherin des Unfallkrankenhauses Berlin (UKB). Sie
spricht aus bitterer Erfahrung: Alljährlich sorgt Silvester für volle

Notaufnahmen. Ärzte behandeln dabei nicht nur Hobby-Pyrotechniker
nach Unfällen, sondern auch Zufallsopfer.

Das sind vor allem Kinder, wie Experten der Deutschen Presse-Agentur
berichten. Ihr Anteil unter den Silvester-Verletzten habe in den
vergangenen Jahren bei Augen- und Ohrenverletzungen zugenommen, sagte
der leitende Oberarzt der Notaufnahme am Virchow-Klinikum der
Berliner Charité, Tobias Lindner. Grund seien etwa Knaller-Würfe, die

zu Explosionen nahe dem Gesicht oder dem Ohr führen. Opfer hätten in
solchen Fällen keine Chance, sagt der Mediziner. Deutsche
Augenkliniken meldeten rund um Silvester der beiden Vorjahre jeweils
weit mehr als 800 Augenverletzungen durch Pyrotechnik, wie die
Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft mitteilte.

Die ersten Unfallopfer sehen die Notaufnahme-Teams schon vor dem 31.
Dezember - sobald Feuerwerk zum Verkauf steht, wie Lindner sagt. An
Silvester reißt der Zustrom an Verletzten von kurz nach Mitternacht
an so schnell nicht mehr ab. An Neujahr schleppen sich dann noch
viele in die Rettungsstelle, die ihre Verletzung in der Nacht noch
unterschätzten. Doppelte Besatzung in der Chirurgie und bei den
Pflegekräften stehen dann etwa am Virchow-Klinikum bereit.

Dass Menschen den Rutsch ins Neue Jahr nicht überleben, kommt in
Deutschland immer wieder einmal vor - allein in Brandenburg gab es
voriges Silvester zwei Tote durch Feuerwerk. Neben selbst gebautem
Feuerwerk haben auch nicht frei verkäufliche Produkte wie
Kugelbomben, die für professionelle Feuerwerke gedacht sind,
hierzulande schon zum Tod oder zu erheblichen Verletzungen bei
relativ jungen Männern geführt. «Die schweren Verletzungen passieren

fast ausschließlich mit illegalen Böllern, sogenannten Polenböllern,

oder selbstgebasteltem Feuerwerk», betont Kijewski.

Das Geschlecht eint die allermeisten Opfer: Mutproben und Angeben mit
Feuerwerk sowie mangelnde Sicherheitsvorkehrungen sind den Experten
zufolge eher Männer-Sache. Lindner bezeichnet auch den «Straßenkampf
»
mit Böllern und Raketen in manchen Berliner Ecken als rein männliche
Domäne. Von «Gehabe» gerade bei männlichen Jugendlichen sprechen
mehrere Mediziner. Frauen würden, wenn überhaupt, durch von anderen
abgefeuerte Knaller verletzt, bestätigt auch das UKB.

Häufig kommen die Menschen nach Lindners Erfahrung mit kleineren
Verletzungen wie Verbrennungen in die Notaufnahme. Diese können durch
Unaufmerksamkeit beim Hantieren mit Feuerwerk entstehen, wenn die
Reaktionsfähigkeit durch Alkohol eingeschränkt ist und wenn
gegebenenfalls auch noch Kälte für weniger Gefühl in den Fingern
sorgt. Zu tiefergehenden Verbrennungen oder auch Knochenbrüchen kann
es kommen, wenn Raketen Gesicht oder Körper treffen. «Die Leute
beugen sich noch mal über die Feuerwerkskörper - «huch, hat ja gar
nicht gezündet»», erklärt Kijewski. 

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, Joachim
Windolf, nennt Verletzungen durch Böller typisch für Silvester.
Manche Patienten trügen trotz mehrwöchiger Behandlung bleibende
Schäden davon, sagt er. Es gehe um dauerhafte
Bewegungseinschränkungen der Hand und gebrochene sowie ganz oder in
Teilen abgesprengte Finger. Auch Narben im Gesicht können an die
Missgeschicke erinnern.

Die Druckwelle einer Böller-Explosion nahe der Hand muss nicht
zwangsläufig blutende Wunden oder verbrannte Haut hinterlassen. Es
könne auch innerlich Gewebe zerstört werden, warnt Windolf. Darauf
wiesen etwa Schwellungen hin. Zeitnah zum Experten zu gehen, sei dann
wichtig, sagt der Direktor der Klinik für Unfall- und Handchirurgie
am Uniklinikum Düsseldorf. Ein Teil der Patienten habe aber «dann
doch irgendwie Glück», sagt er.

Daneben sorgen sogenannte Knalltraumata bei HNO-Ärzten für Arbeit:
«Ein gewisses Pfeifen im Ohr, Taubheitsgefühl - und man weiß nicht,
ob es in ein, zwei Stunden weggeht, was häufig ist, oder ob es doch
eine schwerwiegendere Verletzung ist, die behandelt werden muss»,
erläutert Lindner. Üblicherweise deuteten Schmerzen im Ohr zum
Beispiel auf eine Trommelfell-Verletzung hin - abwarten bis zu deren
Abklingen sei dann die schlechtere Wahl.

Lindner findet, dass Feuerwerkskörper schon allein wegen gezielter
Angriffe auf Rettungskräfte wie im Vorjahr in Berlin nicht in die
Hände einer breiten Öffentlichkeit gehören. «Man sollte sich auf
schöne Feuerwerke konzentrieren, die der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht werden, so dass man das gemeinsame Erlebnis hat», sagt er.
Den «Straßenkampf» hingegen solle man unterbinden.

Mediziner Windolf hingegen hält ein Feuerwerksverbot in einer «freien
Gesellschaft» nicht für zielführend: Womöglich griffen die Leute da
nn
erst recht zu gefährlichen illegalen Knallern, mit schlimmeren
Folgen, befürchtet er - und setzt auf Aufklärung.