Deutsche Doula in New York: Hebamme in einem Land ohne Hebammen Von Christina Horsten, dpa

07.12.2018 07:25

In Deutschland kämpfen Hebammen mit schwierigen Arbeitsbedingungen,
es herrscht Mangel. In den USA sind sie nach der Geburt im System
dagegen gar nicht erst vorgesehen. Viele Eltern fühlen sich hilflos.
In New York füllt eine Deutsche erfolgreich diese Lücke.

New York (dpa) - Vor dem großen Glasfenster liegen die Häuserdächer
Brooklyns unter einer dichten Wolkendecke. Lauren setzt sich auf das
graue Sofa ihrer Wohnung und drückt Stephanie Heintzeler den kleinen
Elliot in den Arm. Elliot ist 13 Wochen alt, trägt einen blauen
Strampler mit grauen Streifen und gluckst vergnügt. «Ich wollte mit
dir über das Stillen reden», fängt Lauren an. «Die einzelnen
Stilleinheiten werden jetzt kürzer, oder?» Heintzeler setzt sich auch

auf das Sofa und Elliot auf ihren Schoß. «Ja genau. 15 Minuten
reichen völlig aus, manchmal sogar 5. Das wird alles kürzer und
einfacher.»

Lauren ist 35, Elliot ihr erstes Kind und Heintzeler ihre Doula.
Doulas übernehmen in den USA die nicht-medizinische Betreuung von
Frauen während der Schwangerschaft, sowie bei und nach der Geburt.
Heintzeler war bei Elliots Geburt dabei und schaut nun regelmäßig bei
Lauren vorbei oder ruft an, um Fragen zu beantworten und zu helfen,
wo sie kann. In Deutschland, wo Heintzeler herkommt, wäre das nichts
Außergewöhnliches, aber das hier ist New York - und in den USA sind
Hebammen nach der Geburt vom Gesundheitssystem eigentlich gar nicht
vorgesehen. Wenn es keinerlei Komplikationen gibt und Mutter und Kind
gesund sind, werden Eltern mit dem Neugeborenen schon kurz nach der
Geburt aus dem Krankenhaus wieder nach Hause geschickt und sich
selbst überlassen. Im Krankenhaus gibt es meist nur eine ganz kurze
Einführung in Stillen und Wickeln.

Wer nach der Geburt eine Doula oder eine Stillberaterin möchte, muss
sie in den USA in den allermeisten Fällen selbst bezahlen - so wie
Lauren. «Ich wollte einfach die beste, einfachste und am wenigsten
stressigste Erfahrung mit dem Ganzen machen und deswegen fand ich,
dass diese Investition Sinn macht», sagt sie. «Jetzt telefonieren wir
häufig oder schreiben uns SMS, wann immer eine Frage aufkommt. Es
hilft mir einfach. Alles über Geburt und Babys zu lesen, lässt einen
völlig durchdrehen. Einen Experten an der Seite zu haben, den man
fragen kann, beruhigt enorm. Das würde jeder Mutter in diesem Land
gut tun.» Elliot gluckst.

Heintzeler strahlt den kleinen Jungen an, übergibt ihn dann wieder
seiner Mutter und verabschiedet sich. Sie muss los, der nächste
Termin steht an, rein in die U-Bahn, raus aus der U-Bahn, von
Brooklyn nach Manhattan und wieder zurück, alles mit einer schweren
Tasche voller Ausrüstung. Für zwischendurch hat sie immer ein paar
selbstgebackene Cracker als Verpflegung dabei. «Ich betreue etwa 50
Eltern pro Jahr, mache bis zu sechs Geburten im Monat, drumherum
Kurse und Hausbesuche.»

Heintzeler ist in den USA geboren, aber in Bad Homburg aufgewachsen
und in Deutschland zur Hebamme ausgebildet worden. Nach einigen
ersten Versuchen hat sie 2012 ihr Doula-Business in New York so
richtig gestartet. «2014 hatte ich dann so viel Arbeit, dass ich es
nicht mehr alleine bewerkstelligen konnte.» Inzwischen hat sie ein
15-köpfiges Team, dem sie Aufträge vermittelt.

Die Nachfrage und die Zahl der zertifizierten Doulas habe in den
vergangenen Jahren stark zugenommen, berichtete jüngst die «New York
Times». «Wenn doch nur jeder nach der Geburt eine Doula haben
könnte», hieß es in dem Artikel. Aber es ist und bleibt weitgehend
ein Luxus für Besserverdienende. Heintzeler verlangt 4000 Dollar
(etwa 3500 Euro) für ihr Standardpaket: Betreuung in der
Schwangerschaft per Telefon und SMS, einen Hausbesuch vor und nach
der Geburt und die Geburt selbst.

Die Unterschiede zwischen der Behandlung von Schwangerschaft und
Geburt in Deutschland und den USA seien groß, sagt Heintzeler. «Die
Kultur ist anders. Ich gehe auch mit einer deutschen Mama ein
bisschen anders um als mit einer Ami-Mama. Die Ami-Mama arbeitet viel
bis zum Entbindungstermin und ist schneller überfordert, möchte
vielleicht tendenziell alles natürlich, aber dann hat sie drei Wehen
und dann überlegt sie es sich wieder anders. Mutter sein ist hier
mehr angstbesetzt, die Amis sind einfach sehr gerne dramatisch. Dazu
kommt die rechtliche Verantwortung der Ärzte. Das ist ein anderes
Land, die sind hier sehr vorsichtig, die stehen mit einem halben Fuß
im Gefängnis.»

Auf der anderen Seite sei die Zusammenarbeit mit Doulas im
Krankenhaus auch nicht immer einfach, sagt eine Krankenschwester und
Hebamme im New Yorker Mount Sinai Krankenhaus, die anonym bleiben
will. «Viele Doulas sind sehr gut und wir kommen wunderbar mit ihnen
aus, aber manche versuchen auch immer wieder gegen die Vorschriften
im Krankenhaus zu verstoßen, wenn sie sich zum Beispiel grundsätzlich
gegen einen Tropf stellen, und das werden dann sehr anstrengende
Situationen.» 

Privat hätte sie nach der Geburt aber gerne selbst eine Doula gehabt.
«Wenn die Kosten kein Problem gewesen wären, wäre das so wichtig fü
r
mich gewesen. Gerade bei meinem ersten Kind hatte ich große Probleme
mit dem Stillen und das hätte mir so mit meinen Ängsten und meiner
Nervosität geholfen. Aber ich konnte es mir einfach nicht leisten.»

Doula Heintzeler rast unterdessen schon wieder weiter zum nächsten
Termin. Eine erfolgreiche Geburt sei jedesmal wieder eine magische
Erfahrung, sagt die 41-Jährige, die selbst keine Kinder, aber schon
mehr als 2600 auf die Welt gebracht hat. «Dafür mache ich es, das
wiegt alles auf. Und eine gute Geburtserfahrung trägt eine Mutter für
ihr Leben.»