Tod eines Missionars: Ureinwohner verteidigen Insel gegen Außenwelt Von Nick Kaiser und Sunrita Sen, dpa

28.11.2018 07:37

Ein junger US-Amerikaner besucht das vielleicht letzte steinzeitliche
Volk der Welt, um es zum Christentum zu bekehren. Die Reise auf ihre
abgelegene Insel nimmt für ihn ein böses Ende. Warum die indischen
Behörden nun in einer Zwickmühle stecken.

Port Blair (dpa) - «Ich will nicht sterben», schrieb der Missionar in
sein Tagebuch, nachdem ein Kind einen Pfeil auf ihn geschossen und
seine Bibel getroffen hatte. Und doch kehrte der junge Mann zurück
auf die Insel der Ureinwohner im Indischen Ozean - und ward nicht
mehr lebend gesehen. Diese Szenen spielten sich nicht vor Hunderten
Jahren ab, sondern vor weniger als zwei Wochen.

Der 27 Jahre alte US-Amerikaner John Chau hatte Fischer angeheuert,
ihn auf die Nord-Sentinel-Insel zu bringen - Teil der Inselkette der
Andamanen, die zu Indien gehört, aber näher bei Myanmar liegt. Zum
Schutz der dort lebenden Ureinwohner - der sogenannten Sentinelesen,
die als letztes steinzeitliches Volk der Welt gelten - ist es
verboten, sich der nur rund 60 Quadratkilometer großen Insel mit von
Sandstrand umringtem Wald auf weniger als fünf Kilometer zu nähern.

Weil das sogar für die Polizei gilt, stehen die Beamten nun vor einem
Dilemma: Sollen sie versuchen, die Leiche zu bergen? Wie sollen sie
in dem Todesfall ermitteln, wenn sie sich den einzigen Zeugen nicht
nähern dürfen - und ohnehin niemand deren Sprache versteht? Es sei
ein sehr schwieriger Fall, sagt der Polizeichef der Inselgruppe,
Dependra Pathak. Einerseits gebe es eine Anzeige wegen Mordes, der
nachgegangen werden müsse. Andererseits gelte in Bezug auf die
Ureinwohner die Vorgabe: «Finger weg».

Die Sentinelesen kamen Experten zufolge wahrscheinlich vor etwa
50 000 Jahren aus Afrika auf die Insel und führen noch heute ein
ursprüngliches Leben als Jäger und Sammler. Ihre Zahl wird auf
weniger als 100 geschätzt. Kaum mehr ist über sie bekannt, da sie
Fremden immer unmissverständlich zu verstehen gegeben haben, dass sie
in Ruhe gelassen werden wollen.

So auch Chau, nachdem er sich ihnen das erste Mal genähert und gesagt
hatte: «Mein Name ist John, ich liebe euch und Jesus liebt euch.» Das
geht aus Tagebucheinträgen des Abenteurers und einem Brief an seine
Familie hervor, die die Polizei den Medien zur Verfügung gestellt
hat. Mit Pfeilen bewaffnete Sentinelesen hätten ihn angeschrien,
steht da. Er sei blitzschnell weg gepaddelt, gebe aber nicht auf.

«Ihr haltet mich vielleicht für verrückt, aber ich denke, das alles
ist es wert, um diesen Leuten Jesus zu verkünden», schrieb der
Missionar seiner Familie. Er sagte den Fischern, die ihn hergebracht
hatten, sie könnten wegfahren; er werde die Nacht auf der Insel
verbringen. Das sagten die Fischer später der Polizei. Chau war sich
durchaus bewusst, was ihm bei den Sentinelesen drohte: «Bitte seid
weder ihnen noch Gott böse, falls ich getötet werde», schrieb er.

Als die Fischer am nächsten Tag zur Insel zurückkehrten, sahen sie
nach eigenen Angaben, wie die Bewohner Chaus leblosen Körper durch
den Sand schleiften. Die Polizei ist seitdem zweimal mit der
Küstenwache vor die Küste der Insel gefahren. «Wir haben den Strand
durch Ferngläser beobachtet, und die Sentinelesen sind mit Pfeilen
und Bögen zum Vorschein gekommen. Wir haben Abstand gehalten»,
erzählt Polizeichef Pathak. «Wir wollen keine Konfrontationen.»

Die Polizei berät sich auch mit Anthropologen, darunter Trilok Nath
Pandit - der Mann, der sich wohl so gut wie sonst niemand mit den
Sentinelesen auskennt. Bereits im Jahr 1967 führte er eine Expedition
zur Nord-Sentinel-Insel an. Es folgten viele weitere, bei denen er
zusammen mit anderen Forschern Geschenke wie Kokosnüsse,
Metallgegenstände und lebende Schweine am Strand hinterlegte und aus
sicherer Entfernung im Wasser die Reaktionen der Sentinelesen
beobachtete. Immer verhielten sie sich feindselig. «Wir verstehen
ihre Sprache nicht, aber es war nicht schwer, zu verstehen, dass sie
uns nicht auf ihrer Insel haben wollten», erzählt Pandit.

Er habe immer auf sie gehört. Das hätte auch Chau tun sollen, meint
er. «Er hat sie provoziert, nachdem sie deutlich gemacht hatten, dass
er nicht willkommen war», sagt der heute 84-Jährige.

In all den Jahren kam Pandit nur einmal, 1991, den Sentinelesen
richtig nahe. Damals wateten einige von ihnen - allesamt nackt,
manche mit Kopfschmuck oder gelber Farbe im Gesicht - ins flache
Wasser hinaus, um die mitgebrachten Kokosnüsse persönlich
entgegenzunehmen. Warum sie das auf einmal taten, weiß Pandit nicht.
Ein Junge mit einem Messer habe ihm aber bedeutet, er solle sich dem
Strand besser nicht weiter nähern.

Mitte der neunziger Jahre stellte die indische Regierung die
Expeditionen ein. Es hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass
diese großen Schaden anrichten könnten - etwa durch die Verbreitung
von Krankheiten wie Masern oder Grippe, die im 19. Jahrhundert vielen
Ureinwohnern auf den Andamanen das Leben gekostet hatten.

Auch deshalb fordert die Organisation Survival International, die
sich für die Rechte von Indigenen einsetzt, die Behörden auf, nicht
zu versuchen, Chaus Leichnam zu bergen. Dies wäre für die
Sicherheitskräfte wie auch für die Sentinelesen höchst gefährlich,

heißt es. Auch lokale Forscher und Journalisten warnten am Dienstag
in einem Brief vor einer weiteren Eskalation.

Zur Vorgeschichte gehört nämlich auch der Fall zweier Fischer, die im
Jahr 2006 von Sentinelesen getötet wurden, nachdem ihr Boot an den
Strand der Insel getrieben war. Als die Küstenwache kam, um die im
Sand vergrabenen Leichen zu holen, griffen die Inselbewohner deren
Hubschrauber an. Nur einer der toten Fischer konnte geborgen werden.

Die Sentinelesen seien von sich aus nicht aggressiv, meint Pandit.
«Für sie sind Außenseiter aber Eindringlinge», erklärt er. «Wir

sollten ihren Wunsch respektieren, allein gelassen zu werden.»