Muntermacher Merz Von Nico Pointner und Andreas Hoenig, dpa

27.11.2018 22:42

Endspurt im Machtkampf um die CDU-Spitze. Diesmal treten die
Kandidaten in Baden-Württemberg auf. Es wird fast zu einem Heimspiel
für den Nordrhein-Westfalen Merz. Konkurrentin Kramp-Karrenbauer
überrascht mit einem Geständnis.

Böblingen (dpa) - Zehn Minuten redet Friedrich Merz auf der Bühne, da
stehen sie plötzlich von ihren Stoffstühlen auf, ganz viele der rund
2000 CDU-Mitglieder in der Kongresshalle in Böblingen. Der Wettkampf
um die Nachfolge von CDU-Chefin Angela Merkel geht in den Endspurt.
Und Kandidat Merz schaltet in den Angriffsmodus. Am Dienstagabend
warnt er vor einer Sozialdemokratisierung der Union - eigentlich ein
Kampfbegriff mancher CDU-Gegner. «Wir müssen doch nicht alle
Positionen übernehmen, die die Sozialdemokraten richtig finden», ruft
er der Basis zu. Er tänzelt dabei von einem Fuß auf den anderen,
ballt die Fäuste, gibt sich kämpferisch. Im konservativen Ländle
kommt das gut an. Merz erntet viel Applaus. Es wirkt stellenweise wie
ein Heimspiel für den Konservativen.

Diesmal also Böblingen, im Herzen Baden-Württembergs - einstige
Bastion der Konservativen, ehemaliges Stammland der CDU. «Die CDU
lebt - und das Herz der CDU schwebt heute in Böblingen», ruft
Landeschef Thomas Strobl zu Beginn euphorisch in die Menge. Die
fünfte Regionalkonferenz findet in dem Land statt, in dem die
Christdemokraten 2011 nach 58 Jahren die Macht dramatisch verloren.
Mittlerweile ist man Juniorpartner der Grünen. Der Kampf um die
Nachfolge von Erwin Teufel hinterlässt 2004 einen tiefen Riss im
Südwest-Landesverband - mit derzeit rund 65 000 Mitgliedern der
zweitgrößte nach dem NRW-Verband.

Am Nachmittag schauen die drei aussichtsreichsten Kandidaten,
CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, Gesundheitsminister
Jens Spahn und eben Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz in
Stuttgart der Landtagsfraktion der CDU vorbei, um für sich zu werben
- nacheinander, je eine halbe Stunde. «Das ist heute ein großer Tag
für Baden-Württemberg», freut sich Fraktionschef Wolfgang Reinhardt.

Die Debatte sei ein «richtiger Muntermacher» für die Union.

Und munter geht es zu im Ländle. Kramp-Karrenbauer und Merz streiten
weiter offen über den Umgang der eigenen Partei mit der AfD und
mögliche Versäumnisse in den vergangenen Jahren. Merz hatte mit der
Aussage, die CDU habe die AfD-Wahlerfolge «mit einem Achselzucken»
zur Kenntnis genommen, Kritik auf sich gezogen. «Wenn es in der
Pauschalität formuliert wird, wie es formuliert worden ist, dann
trifft es viele, viele in der CDU zu Unrecht», sagt die Kontrahentin
beim Besuch der CDU-Landtagsfraktion. Wer solche Vorwürfe macht,
müsse Ross und Reiter nennen. «Das werde ich deswegen nicht tun, weil
ich keine pauschalen Vorwürfe erhoben habe», kontert Merz.

Die Kandidaten fassen sich nicht mehr mit Samthandschuhen an. Der
Umgang mit der AfD ist eine Kernfrage für die Zukunft der CDU nach
den historischen Wahlverlusten in Bund und Ländern, wegen denen die
langjährige Noch-CDU-Chefin Angela Merkel nicht wieder antreten will.
Die Entscheidung über den CDU-Vorsitz fällt beim Parteitag am 7.
Dezember in Hamburg.

Alle drei Kandidaten rufen immer wieder zur Geschlossenheit auf. Man
brauche weniger Streit und mehr gute Debatten, erklärt Spahn.
Kramp-Karrenbauer sagt, der politische Gegner sitze nicht in den
eigenen Reihen. «Für mich gibt es nur ein Lager - und das Lager heißt

CDU.» Die Partei müsse am Tag eins nach dem Parteitag geschlossener
und stärker sein.

Die CDU-Generalsekretärin gibt sich überraschend selbstkritisch. Sie
räumt Fehler der Parteispitze ein und spricht gar von «Versagen».
Menschen hätten das Gefühl gehabt, dass die CDU Sorgen und
«berechtigte Ängste» nicht genug aufgegriffen habe. «Dann dürfen
wir
uns auch nicht wundern, wenn sich genau diese Menschen Parteien
suchen, von denen sie zumindest den Eindruck haben, dass sie sich
darum kümmern», sagte Kramp-Karrenbauer. Sie meint damit auch sich
selbst, schließlich saß sie in den Führungsgremien der Partei.

Auch Merz erinnert an die Wahlverluste der CDU. «Wir können und
müssen uns dem Trend mit aller Kraft entgegenstellen.» Dazu gehöre,
dass die CDU offen zugebe, dass sie in den vergangenen Jahren
«unbequeme Fragen» der Gesellschaft nicht mehr im ausreichenden Maß
aufgenommen habe. Die CDU habe viele Menschen mit ihren Sorgen und
Befürchtungen ein Stück weit alleine gelassen.

Die Parteibasis in Böblingen kommt mit unterschiedlichsten Sorgen zu
Wort. 200 Fragen werden am Abend gestellt, es wird rege über
Maklerkosten, Digitalisierung, Rente diskutiert, die Kandidaten
bekommen Maultaschen geschenkt. Am Ende wirkt Merz wie der größte
Muntermacher an diesem Tag. «Der sagt was er denkt», meint Fridolin
Scheerer (68) aus dem Kreisverband Leutkirch. «Seine Antworten sind
geradlinig. Der hat den Mut, uns aus dem Jammertal zu führen.»
Kramp-Karrenbauer habe keine Chance.

«Merz muss es werden, sonst geht es nicht voran», sagt auch der
28-jährige Ömer Ayan aus Tübingen, seit zwei Jahren in der CDU. Er
kennt Merz zwar nicht mehr als Chef der Bundestagsfraktion, findet
ihn aber überzeugender als die anderen beiden. «Der weiß, wovon er
redet und hat den Blick von außen.» Lilia Uktin (36) vom Kreisverband
Hohenlohe ist sich nicht ganz sicher, ob Merz einen frischen Wind in
die Partei bringen wird. «Aber einen anderen Wind bestimmt.»