Genomversuche an Kindern - «Die Büchse der Pandora wurde geöffnet» Von Walter Willems, dpa

26.11.2018 15:37

Dem chinesischen Forscher He schlägt eine weltweite Welle der
Empörung entgegen. Er hat nach eigenen Angaben das Genom zweier
Kindern manipuliert - ohne klaren medizinischen Grund und offenbar
ohne Wissen seiner Hochschule. Warum tut jemand das?

Shenzhen/Berlin (dpa) - Die Zwillinge Lulu und Nana könnten in die
Geschichtsbücher eingehen: Selten hat eine verkündete Geburt unter
Forschern wie Laien weltweit für solche Aufregung gesorgt. Von einem
«Super-GAU» für die Wissenschaft spricht der Vorsitzende des
Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock. Und die Vorsitzende des
Europäischen Ethikrates (EGE), Christiane Woopen, fordert ein
Eingreifen der internationalen Gemeinschaft. «Die Büchse der Pandora
wurde geöffnet», warnen mehr als 120 chinesische Wissenschaftler.

Was ist passiert? «Zwei wunderschöne kleine chinesische Mädchen
namens Lulu und Nana kamen vor einigen Wochen weinend und so gesund
wie jedes andere Baby zur Welt», verkündet He Jiankui von der
Southern University of Science and Technology in Shenzhen auf der
Internet-Plattform YouTube. Er hat demnach bei einer künstlichen
Befruchtung die Genome der Kinder manipuliert. Mit der Genschere
Crispr/Cas9 inaktivierte er in den Embryonen das Gen für den
Zellrezeptor CCR5. Der ist das wichtigste, aber nicht das einzige
Einfallstor für das HI-Virus in Zellen des Körpers. Der Eingriff
solle die Kinder später vor einer möglichen Infektion mit dem
Aids-Erreger schützen, argumentiert He auf YouTube.

Vieles ist sonderbar an seinem Vorgehen - sofern es überhaupt stimmt.
Etwa, dass er die Nachricht nicht in einem Fachjournal oder auf einem
Kongress vorstellt, sondern per Internet der Welt verkündet. Oder
auch, dass er seiner Uni kontroverse Schritte - das Einpflanzen
manipulierter Embryonen, die Schwangerschaft und die Geburt der
Zwillinge - offenbar verheimlicht hat. Die Hochschule äußerte sich
«zutiefst schockiert» und distanzierte sich von He.

In vielen Ländern - aber nicht in China - ist die Genomeditierung von
Keimzellen an Menschen verboten. Aus gutem Grund: Die Folgen von
Crispr/Cas9-Eingriffen sind noch weitgehend unbekannt. Lulu und Nana
könnten gravierende Nachteile davontragen - und an ihre Nachkommen
vererben.

He behandelte nach eigenen Angaben sieben Ehepaare mit unerfülltem
Kinderwunsch. Dabei manipulierte er mit der Genschere Crispr/Cas9
insgesamt 16 Embryonen, 11 davon wurden sechs Frauen eingepflanzt.
Letztlich gab es - nach bisheriger Kenntnis - eine Geburt. Allerdings
sind wohl nur bei einem der Kinder beide Genkopien für den
CCR5-Rezeptor inaktiviert.

Crispr/Cas9 wird seit 2012 eingesetzt und hat Forschungslabore
weltweit im Sturm erobert. Denn damit können Forscher Erbgut relativ
zielgenau durchtrennen und bestimmte Gene inaktivieren. So verändern
sie inzwischen Genome von Mikroorganismen und Pflanzen - und im
Rahmen von Gentherapien auch von Menschen. Der therapeutische Einsatz
an Spermien, Eizellen und Embryonen steht allerdings auf dem Index -
nicht zuletzt weil unklar ist, welche Effekte die Technik an anderen
Stellen des Erbguts hat.

«Die Genomeditierung mit Crispr/Cas9 ist zwar einfach, aber nicht
sehr präzise, das System macht Fehler», sagt Joachim Hauber vom
Heinrich-Pette-Institut in Hamburg. Man könne nicht ausschließen,
dass die Genschere auch an anderen Stellen ins Genom eingreife. Zudem
könne die Zelle beim Verbinden der abgeschnittenen DNA-Enden Fehler
machen. Dies könne sich erst nach Jahren zeigen. «Die beiden Kinder
können diese Veränderungen an ihre Nachkommen weitergeben», mahnt
Hauber. «Ein solches Vorgehen verurteile ich aufs Schärfste.»

Zumal der von He angeführte Nutzen - bei einem Kind ein Teilschutz
vor HIV - äußerst fragwürdig ist. «Die Inaktivierung des
CCR5-Rezeptors hat eine Feigenblatt-Funktion», sagt Hauber. «Das
bringt den Kindern keinen Vorteil.» Stattdessen drohten sogar
Nachteile: Studien deuten darauf hin, dass etwa eine
West-Nil-Virus-Infektion bei Menschen ohne CCR5-Rezeptor deutlich
schwerer verläuft.

Ethiker greifen He scharf an. Der Erlanger Theologe Dabrock spricht
von einem «schamlosen, unverantwortlichen Humanexperiment», die
Kölner Ethikerin Woopen von einer Verletzung der Menschenrechte. Die
Fachwelt reagiert ebenfalls fassungslos: «Direkte Versuche am
Menschen können nur als verrückt beschrieben werden», schreiben 122
chinesische Forscher. «Die Büchse der Pandora wurde geöffnet, und wir

haben möglicherweise eine Chance, sie zu schließen, bevor der Schaden
irreparabel ist.»

Auch zwei der drei Crispr/Cas9-Entdecker kritisieren He scharf.
Jennifer Doudna von der University of California in Berkeley spricht
von einer dringenden Notwendigkeit, den Einsatz bei Embryonen zu
beschränken. Feng Zhang vom Massachusetts Institute of Technology
fordert sogar ein Moratorium für das Einpflanzen genomeditierter
Embryonen, weil der mögliche Nutzen die Risiken bei weitem nicht
rechtfertige.

Dass He die Geburt der Mädchen ausgerechnet jetzt verkündet hat, ist
vielleicht kein Zufall: Am Dienstag sollte in Hongkong ein
Genomforscher-Kongress beginnen, zu dem unter anderem Doudna und
Zhang erwartet werden. Dort soll He, der Patente auf Verfahren hält
und ein Gentechnik-Unternehmen besitzt, am Mittwoch einen Vortrag
halten. Die Aufmerksamkeit der Welt ist ihm gewiss.