Handy am Steuer - Frau gesteht Schuld am Unfalltod von Radfahrer Von Christina Sticht, dpa

08.02.2018 15:06

Es fließen Tränen - bei der Täterin und den Angehörigen des Opfers.

Weil sie mit ihrem Freund telefonierte, hat eine 25-Jährige eine rote
Ampel übersehen und mit ihrem Sportwagen einen Radler getötet. Ist
der tragische Unfalltod des Mannes nur ein Einzelfall?

Hannover (dpa) - Mails lesen, Nachrichten tippen, telefonieren - mehr
als die Hälfte der Autofahrer nutzen nach Angaben von
Verkehrsexperten ihr Smartphone auch im Auto. Doch die Ablenkung am
Steuer kann fatale Folgen haben und Leben zerstören. Vor dem
Amtsgericht Hannover stand am Donnerstag eine 25-Jährige, die wegen
eines aufwühlenden Gesprächs mit ihrem Freund am Handy eine rote
Ampel übersah und einen 67 Jahre alten Radfahrer tödlich verletzte.

Der Sohn des Getöteten saß der Angeklagten im Gerichtssaal gegenüber.

«Bitte glauben Sie mir, es tut mir alles so leid», sagte die
dunkelhaarige, zierliche Angeklagte schluchzend. «Es steht mir nicht
zu, um Vergebung zu bitten. Aber es ist kein Tag und keine Nacht
vergangen, an dem ich nicht an Ihren Vater gedacht habe.»

Zahlreiche Angehörige des Unfallopfers verfolgten den Prozess, in dem
der Sohn als Nebenkläger auftrat. Die Familie des getöteten
67-Jährigen lehnte eine Schmerzensgeldzahlung ab. Kein Geld der Welt
könne den Verlust des Vaters ersetzen, ließ der Sohn erklären.

Richterin Monika Pinski verurteilte die 25-Jährige nach der
Vernehmung von neun Zeugen und zwei Sachverständigen zu einer
14-monatigen Bewährungsstrafe. Zudem muss die Zahnarzthelferin für
ein Jahr ihren Führerschein abgeben und eine Geldbuße von 3600 Euro
zahlen. «Die Verurteilung beruht weitestgehen auf dem Geständnis der
Angeklagten», betonte die Richterin. In ähnlich gelagerten Fällen
versuchten Autofahrer häufig, sich herauszureden oder eine Teilschuld
dem Opfer zu geben.

Die junge Frau sagte dagegen: «Ich weiß heute, dass ich das
Telefongespräch hätte unterbrechen oder anhalten müssen.» Ihr
Verteidiger gab zu bedenken: «Nicht nur das illegale Telefonieren mit
dem Handy ist eine Gefahr, auch das legale Telefonieren im Auto.»
Seine Mandantin habe mit einem Headset telefoniert. Wie ein Gutachter
schilderte, war die Ampel an der vielbefahrenen geraden Straße
bereits mindestens vier Sekunden rot, als die Frau auf die Kreuzung
fuhr und den Rentner auf dem Fahrrad erfasste.

Am Unfallort erinnert heute noch ein weiß bemaltes Fahrrad an den
getöteten Radfahrer. Die Idee dieser «Ghost Bikes» stammt aus den
USA. Reinhard Spörer vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC)
will damit für gegenseitige Rücksichtnahme im Verkehr werben. «Das
Unfallaufkommen steigt durch die Handy-Benutzung, ganz gleich ob als
Autofahrer, Radfahrer oder Fußgänger», sagt Spörer. Die Strafen f
ür
Menschen, die mit Handy am Steuer erwischt würden, seien in
Deutschland viel zu niedrig, kritisiert er.

Wie viele Unfälle tatsächlich durch Smartphones am Steuer verursacht
werden, ist unbekannt. In Niedersachsen läuft schon seit 2014 die
Präventionskampagne «Tippen tötet», denn auch das Nachrichtenlesen

und Schreiben ist lebensgefährlich. Bei Tempo 50 bedeutet ein fünf
Sekunden kurzer Blick des Fahrers aufs Handy 70 Meter Blindflug über
die Straße.

Das Land Niedersachsen startete im Januar eine Studie, um der
Ablenkung durch Handys im Straßenverkehr auf den Grund zu gehen und
weitere Präventionsansätze zu finden. Ein Jahr lang werden in den
Polizeidirektionen Braunschweig, Hannover und Osnabrück
Verkehrsunfälle detailliert analysiert, bei denen Ablenkung als
Unfallursache vermutet wird. Beteiligt sind auch Unfallforscher der
TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover.

In der Polizei-Praxis sei es äußerst schwierig, bei der
Unfallaufnahme beweiskräftig festzustellen, ob das Benutzen eines
Smartphones die Unfallursache war, sagt die Sprecherin des
Innenministeriums, Svenja Mischel. Eine Sicherstellung des Handys
durch die Polizei sei darüber hinaus nur dann möglich, wenn ein
Anfangsverdacht vorliege.

Im Fall des getöteten Radfahrers hatte die Angeklagte mehr als elf
Minuten lang mit ihrem Freund telefoniert, während der Unfall
passierte. Zunächst hatte die junge Frau versucht, das Telefonat zu
löschen, es wurde aber rekonstruiert. Diesen Versuch bereue sie
ebenfalls zutiefst, sagte sie unter Tränen vor Gericht.