Hören mit den Augen - Schriftdolmetscher übersetzen für Gehörlose Von Grit Büttner, dpa

24.09.2013 06:00

Taube Studenten im Hörsaal? Mit einem Schriftdolmetscher ist das kein
Problem. Der Übersetzer für Gehörlose tippt die Vorträge auf einer

Steno-Tastatur in den Computer - und macht Sprache so sichtbar. Am
29. September ist der Welttag der Gehörlosen.

Groß Trebbow (dpa) - Von Berufs wegen verleiht Sandra Kanschat
ihre Ohren. Regelmäßig sitzt sie in norddeutschen Hochschulen und
lauscht angestrengt wissenschaftlichen Vorträgen in Biologie, Kunst
oder Mathematik. Simultan tippt die Schriftdolmetscherin für
Gehörlose die Reden wortwörtlich mit Hilfe einer speziellen
Stenografie-Tastatur blitzschnell in den Laptop. Eine Software
wandelt die Short-Cut-Eingaben in lesbare Langschrift um und macht
die Sprache fast in Echtzeit auf dem Monitor sichtbar. So kann auch
ein tauber Student im Hörsaal die Vorlesung direkt verfolgen, wie die
junge Mecklenburgerin erklärt.

In Deutschland leben dem Gehörlosen-Bund zufolge etwa 80 000 taube
Menschen. 16 Millionen Bundesbürger gelten als schwerhörig. Gehörlose

haben seit Anerkennung der Gebärdensprache im Sozialgesetzbuch 2001
das Recht, für öffentliche Belange bei Ausbildung, Studium und
Arbeit, beim Arzt, Arbeitsamt, im Gericht oder in Behörden
Dolmetscher zu beauftragen. Die Kosten übernehmen Krankenkassen,
Arbeitgeber, Ämter oder Rentenversicherer.

Der Internationale Tag der Gehörlosen, 1951 vom Weltverband World
Federation of Deaf (WFD) ins Leben gerufen, wird seit Mitte der 70er
Jahre auch in Deutschland jeweils am letzten Sonntag im September
begangen. Er macht auf die besondere Situation tauber Menschen
aufmerksam und wirbt für die Gebärdensprache, wie es heißt. Aktionen

und Veranstaltungen gibt es in vielen Bundesländern.

Bundesweit arbeiten laut Gehörlosen-Bund nur rund 500
Gebärdensprachdolmetscher, so dass Betroffene oft wochenlang auf eine
Kommunikationshilfe warten müssten. Sandra Kanschat, gelernte
Kauffrau für Bürokommunikation, fand in ganz Mecklenburg-Vorpommern
keinen Gebärdensprachkurs. So absolvierte sie eine zweijährige
Ausbildung zur Schriftdolmetscherin, wie sie erzählt.

Die Computer-Stenografie sei aus dem Amerikanischen übernommen
worden und werde erst seit etwa zehn Jahren in Deutschland angeboten.
Mittlerweile arbeiteten vielleicht ein Dutzend deutsche
Schnellschreiber als Simultanübersetzer für Gehörlose. Eine von ihnen

ist die 34-jährige Kanschat. Die zweifache Mutter gründete vor fünf
Jahren in Groß Trebbow bei Schwerin ihren Dolmetscherservice
«Mitschrift». Mit dem Steno-System schaffe sie bis zu 400 Silben in
der Minute- das Drei- bis Vierfache dessen, was mit einer normalen
Tastatur getippt werden könne, sagt sie.

Der Vorteil solch einer Simultan-Mitschrift: Komplizierte
Sachverhalte oder Vorträge können - anders als mit Gebärdensprache -

wortwörtlich übertragen und sofort mitgelesen werden sowie für
späteres Nachlesen, Überarbeiten und Lernen gespeichert und
ausgedruckt werden. Viele Betroffene, die erst als Erwachsene infolge
eines Unfalls oder einer Krankheit ihr Gehör verloren haben,
beherrschten gar keine Gebärdensprache, erklärt Kanschat.

Insgesamt drei selbstständige Übersetzerinnen sind derzeit für das

junge Unternehmen «Mitschrift» tätig. Die Computer-Stenografen stehen

längst nicht nur Studenten als Hör-Hilfe bei. Auch auf politischen
und kulturellen Veranstaltungen, Betriebsversammlungen großer
Unternehmen, bei Gerichtsverhandlungen, Arztbesuchen und
Behördengängen tippen die Stenotypisten jeden Redeschwall in
Sprechgeschwindigkeit in den Laptop: So zaubern sie das gesprochene
Wort als lesbaren Text auf Monitore oder Großleinwände.

Nicht allein das Können des Schriftdolmetschers trage zum Erfassen
des Gesagten für Gehörlose bei, betont Kanschat. Der Vortragende
selbst entscheide mit seiner Sprache darüber, ob er auch von Tauben
erhört wird. «Vorbildliche Redner sind Joachim Gauck und Angela
Merkel», sagt Kanschat. «Beide sprechen in perfekter
Schreibgeschwindigkeit und korrektem Satzbau, sie verstehen es, sich
einfach und verständlich auszudrücken.»