Sepsis-Therapie: Neue Form der Blutreinigung in Studie ermutigend Von Joachim Mangler, dpa
In Intensivstationen sind Ärzte oft hilflos, wenn sie meist ältere
Patienten mit Blutvergiftung und Organversagen behandeln. Rostocker
Mediziner haben nun möglicherweise eine Tür in Richtung einer
erfolgreicheren Sepsisbehandlung aufgestoßen.
Rostock (dpa) - Die Zahlen zu Blutvergiftungen und folgendem
Organversagen sind erschreckend hoch. Jedes Jahr behandeln Ärzte auf
deutschen Intensivstationen mehr als 200 000 Patienten mit diesem
Krankheitsbild (Sepsis), rund 60 000 überleben nicht. «Bei den meist
älteren Patienten ist Sepsis die Folge einer Lungenentzündung, einer
Operation oder auch eines Unfall», sagt der Rostocker
Nierenspezialist Steffen Mitzner. Letztlich breche das Immunsystem
unter der Dauerbelastung zusammen. «Die Immunzellen sind erschöpft.
Wir Ärzte sind hilflos», beschreibt Mitzner das drängende Problem,
das zudem Kosten in Milliardenhöhe verursacht.
Als eine Art weiterentwickelte Blutreinigung (Dialyse) hat Mitzner
zusammen mit anderen Forschern ein Immun-Unterstützungssystem
außerhalb des Körpers (EISS) entwickelt. Verwirrend viele Schläuche
und Schalter sind zu sehen. Mitzner selbst nennt den Prototypen des
Geräts ein wenig respektlos einen «Teebeutel» am Patientenbett.
Denn wie in einem Teebeutel wird in dem Gerät entlang einer
Membran das kranke, mit Gift- und Abfallstoffen belastete Blutplasma
des Patienten mit gesunden Immunzellen eines Spenders mit gleicher
Blutgruppe in sehr engen Kontakt gebracht. «Diese Immunzellen sind
heiß und wollen sich in den Kampf stürzen», erläutert Mitzner. Die
Spenderzellen kämen dabei aber nie in den Körper der Patienten. So
kann es auch nicht zu einer Abwehrreaktion kommen.
In jeweils mehrstündigen Umläufen holen die gesunden Immunzellen
nun die Giftstoffe aus dem Blut der Patienten. Und nicht nur das -
sie geben auch immunaktivierende Substanzen ab, die zur Genesung
beitragen. Im Blut der Patienten sei ein signifikanter Anstieg von
entsprechenden Markern festgestellt worden, ergänzt Mitzner. «Das
Immunsystem der Patienten kann für Stunden oder wenige Tage auf Kur
gehen und sich in dieser Zeit regenerieren.»
Nach Worten des Jenaer Sepsis-Experten Michael Bauer spielt die
Sepsistherapie außerhalb des Körpers eine erfolgversprechende Rolle
bei der künftigen Behandlung. Vor allem die Abgabe der
immunaktivierenden Substanzen sei spannend. «Wir haben erkannt, dass
die Sepsis auch einen komplexen Immundefekt darstellt und, dass das
Immunsystem stimuliert werden muss.» Die ersten Studien zeigten, dass
das System auf jeden Fall plausibel sei, sagte Bauer. Er ist Sprecher
des integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum Sepsis, einer vom
Bundesforschungsministerium initiierten Einrichtung.
Die Ergebnisse von Tierversuchen und einer ersten klinischen
Studie an 20 Patienten seien ermutigend, betonte Mitzner. Während die
Sterblichkeit bislang je nach Ursprungserkrankung bei etwa 60 Prozent
liegt, habe bei den Rostocker Patienten diese Rate bei 35 Prozent
gelegen. Schon nach einem Umlauf stabilisiere sich der Kreislauf,
eine grundlegende Voraussetzung für die weitere Genesung.
Die Forschungen stecken aber noch in den Kinderschuhen. «Wir
müssen erst noch verstehen, was die Zellen da machen und wie wir sie
besser unterstützen können», erklärte Mitzner. Das aber könne die
Rostocker Uni-Klinik zusammen mit Artcline, einer kleiner Firma mit
bislang vier Forschern, nicht allein leisten.
Die Wissenschaftler sind deshalb froh, mit dem Leipziger
Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie kompetente und
potente Forschungspartner gewonnen zu haben. Wie lange es dauern
wird, bis das System Klinikalltag wird, wagt Mitzner angesichts der
vielen offenen Fragen nicht zu sagen. In einem ist er aber sicher:
«Wir richten nicht mehr Schaden an, als wir Gutes tun.»
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