Der qualvolle Tod von Birgit Dressel: «Ein Mahnmal - bis heute» Von Ulrike John, dpa

09.04.2007 10:04

Stuttgart (dpa) - Ihr qualvoller Tod ist eines der finstersten
Kapitel des deutschen Sports: Vor 20 Jahren, am Abend des 10. April
1987, war die Siebenkämpferin Birgit Dressel in der Mainzer
Universitätsklinik gestorben. Voll gepumpt mit über 100 Medikamenten
und Präparaten, die sie in den Wochen und Monaten davor bekommen
hatte, darunter auch Anabolika. «Der Fall war ein einziges Mahnmal -
und das müsste er heute noch sein. Deshalb ist es nicht falsch daran
zu erinnern», sagt Helmut Digel, der Vize-Präsident des
Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) und Tübinger
Soziologe, angesichts der ungebrochenen Dopingmentalität.

Juristisch ist für den Tod der 26-Jährigen nie jemand belangt
worden. Ihr Leibarzt, der berüchtigte Professor Armin Klümper aus
Freiburg, hat später noch viele Weltmeister und Olympiasieger
betreut. Heute lebt er in Südafrika. Thomas Kohlbacher - damals
Lebensgefährte und Trainer von Birgit Dressel, inzwischen Lehrwart
des Leichtathletik-Verbandes Rheinhessen - will sich zu dem
traumatischem Ereignis nicht äußern.

Birgit Dressel galt als einer der großen Hoffnungen der deutschen
Leichtathletik: Neunte war die gebürtige Bremerin bei den Olympischen
Spielen 1984 in Los Angeles, Vierte schon bei der EM 1986 in
Stuttgart. Am 4. Februar 1987 erzielte sie bei einem Stunden-
Mehrkampf in Neuseeland mit 6201 Punkte eine Weltbestleistung. Bei
ihrer letzten Visite Ende Februar bei Klümper, so sagt dieser später
aus, «sei sie eine kraftstrotzende, im höchsten Maße gesunde»
Athletin gewesen. Am 8. April humpelte Birgit Dressel im Training
wegen Schmerzen im Lendenwirbelbereich aus dem Kugelstoßring. Sie
suchte einen Orthopäden auf, der ihr die ersten Schmerzmittel
verabreichte. Mit Verdacht auf Nierenkolik wurde sie in die Uni-
Klinik eingewiesen, dann - wegen eines möglichen Wirbelsäulenschadens
- in die Unfallchirurgie beordert.

Birgit Dressel hatte unsägliche Schmerzen. Am Ende ihres
dreitätigen Martyriums färbten sich ihre Lippen und Fingernägel blau.
Ihr Herz raste. Sie erhielt eine Sauerstoffmaske und wurde auf die
Intensivstation verlegt. Drei Stunden danach hörte ihr Herz auf zu
schlagen. 24 Ärzte hatten vergeblich versucht, ihr Leben zu retten.
«Sie ist vor Schmerzen gestorben», sagt ihr Freund Thomas Kohlbacher.
Für ihren Vater, den Bremer Reederei-Kaufmann Hermann Dressel, ist
seine Tochter «ein Opfer der Pharmaindustrie». Klümper spricht von
einem «tragischen Fall».

Der Mainzer Apotheker Horst Klehr, dem körperliche Veränderungen
bei der Siebenkämpferin aufgefallen waren und der sie gewarnt hatte,
erhielt von ihr die Antwort: «Heutzutage ist das alles reversibel.»
Ihrer Mutter hatte sie gesagt, dass «die Zehnkämpfer doppelt so viel
schlucken».

Im September 1987 veröffentlichte «Der Spiegel» das
rechtsmedizinische Gutachten und schrieb treffend: «Es ist ein
Dokument des Schreckens». Die vielen Arzneimittel und Spritzen hatten
Birgit Dressels Gelenke zerstört und innere Organe zerschlissen.
Selbst an ihrem letzten Lebenstag, als die hilflosen Mediziner eine
Therapie nach der anderen begannen, musste ihr Körper noch einmal
Dutzende von Medikamente aufnehmen.

Birgit Dressel soll auch das Anabolikum «Megagrisevit» und
«Stromba« zur Leisterungssteigerung genommen haben. Letzteres, so der
Heidelberger Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke, sei ihr per
Blankorezept von Klümper verschrieben worden sein. Klümper, der der
Sportlerin mindestens 400 Spritzen im Laufe der Zeit verpasst hatte,
bestreitet dies.

Das Ermittlungsverfahren gegen unbekannt wegen des Verdachts
fahrlässiger Tötung wurde eingestellt. In dem von der
Staatsanwaltschaft beauftragten Gutachten hieß es, die Vielfalt der
eingenommenen Präparate sei «nicht mehr überschaubar und in ihren
Wirkungen nicht abschätzbar». Birgit Dressel starb an einem
«komplexen toxisch-allergischen Geschehen». Den behandelnden Ärzten
sei ein fahrlässiges Verhalten nicht nachzuweisen, «da nicht mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit festgestellt werden kann,
welche möglichen Ursachen den Tod von Frau Dressel verursachten».

«Der Fall ist damals sicher nicht aufgearbeitet worden. Es gab ein
Gutachten, aber die notwendigen Konsequenzen waren nur bedingt zu
erkennen», sagt Helmut Digel, der in jener Zeit sein Arbeit und damit
auch seinen Kampf gegen Doping für den Deutschen Leichtathletik-
Verband (DLV) aufnahm. Bis heute bestehe bei den Athleten «eine viel
zu große Bereitschaft, alle möglichen Medikamente zu nehmen». Dies
habe auch der Fall des Trainers Thomas Springstein gezeigt, der wegen
Minderjährigen-Dopings verurteilt worden ist.
dpa ul yysw ze sb