Zahnersatz aus Polen
Einzigartiges AOK-Modell zur Zahnbehandlung sorgt für Wirbel
Ein bisschen mulmig ist Lutz Gürgen schon. Zahnarztpraxen sind nicht sein Lieblingsort, neuer Zahnersatz aber vonnöten. Dass er einen Fahrweg von 120 Kilometern in Kauf nimmt und nach Polen zum Zahnarzt fährt, hängt mit einem einzigartigen Modell der AOK Brandenburg zusammen. Als erste gesetzliche Krankenkasse in Deutschland ermöglicht sie ihren Mitgliedern, Zahnersatz in Polen machen zu lassen. «Ich habe Vertrauen», sagt Gürgen vor der Behandlung in der Grenzstadt Slubice.
Mit herkömmlichem privaten Zahntourismus Deutscher ins Ausland hat das nichts zu tun. Der Patient vereinbart über das Unternehmen Medpolska, mit der die AOK einen Vertrag hat, einen Termin bei einem Zahnarzt in Polen. Dieser erstellt für den Patienten einen Heil- und Kostenplan, den Medpolska der AOK zur Genehmigung einreicht.
Mit dem genehmigten Plan fährt der Patient zum Zahnarzt nach Polen. Dort zahlt er zum Abschluss der Behandlung den Eigenanteil, sofern einer anfällt. Beim ersten Zahnarztbesuch in Polen werden aber auch die zehn Euro Praxisgebühr fällig. Der Zahnarzt rechnet über Medpolska mit der AOK ab.
Familie Gürgen hat verglichen. Bei der Behandlung in Deutschland hätte sie über 1000 Euro zuzahlen müssen. In Polen sind es gut 100 Euro. «Das ist ein gewaltiger Unterschied», sagt Margitta Gürgen. «Ich denke, das Beispiel macht Schule.» Sie werde diese Möglichkeit weiterempfehlen. «Polnische Ärzte sind gut ausgebildet.»
Mit dem Projekt will die AOK ihre Versicherten nicht nach Polen drängen, betont Marek Rydzewski, Niederlassungsleiter der AOK in Frankfurt (Oder). «Die Patienten sollen selbst entscheiden.» Der Vorgang werde nach deutschem Recht bearbeitet, bei Schwierigkeiten sei ein deutsches Gericht zuständig. Einziges Risiko für den Patienten sei, für eine Reparaturen muss er nach Polen fahren.
Nach Angaben von Medpolska haben sich sieben Zahnarztpraxen entlang von Oder und Neiße dem Projekt angeschlossen. «Wir haben die Zahnärzte sorgfältig nach bestimmten Kriterien ausgewählt», erläutert Vize-Geschäftsführer Michal Roszak. Die Qualität muss deutschem Standard entsprechen, Zahnärzte und Personal deutsch sprechen. Für Krone, Brücke oder Gebiss werden zwei Jahre Garantie gewährt.
Medpolska, eine 100-prozentige Tochter des deutschen Medizin- Dienstleisters Medent (München), arbeitet mit einem Dentallabor in Stettin (Szczecin) zusammen. «Der Zahntechniker ist in Deutschland ausgebildet und verwendet geprüfte Materialien aus Deutschland», sagt Roszak. Die Resonanz sei gut. «Viele Patienten sind interessiert.»
Die Ideen entstand, als sich bei der AOK Heil- und Kostenanträge stapelten, Patienten nicht mit der Behandlung begannen, dafür aber häufig bei der AOK anfragten, ob sie sich den Zahnersatz in Polen fertigen lassen könnten. Laut AOK-Sprechers Jörg Trinogga zieht das Modell einen erhöhten Wettbewerb mit einheimischen Dentallabors nach sich. «Das wollen und können wir aber auch nicht verhindern», sagt er. Der Gesetzgeber ermögliche diese Kooperation, die seit der EU- Erweiterung auch mit Polen möglich sei.
Mit massiver Kritik hat die Landes-Zahnärzte-Kammer Brandenburg auf das Modell reagiert. «Es hat große Verunsicherung unter den Kollegen gegeben», sagt Kammerpräsident Jürgen Herbert. Von der Früherkennung bis zum Zahnersatz sollte die Behandlung in der Hand eines Zahnarztes liegen. «Der Arzt muss die Gesamtumstände des Patienten kennen.» Das Modell vernichte in Deutschland Arbeitsplätze.

