Forscher: Sehstörungen bei Kindern werden zu wenig beachtet Von Helge Toben, dpa
09.09.2010 16:19
Wer etwas nicht sehen kann, muss nicht unbedingt schlechte Augen
haben. Oft liegt die Ursache im Gehirn. So gibt es zum Beispiel viele
Menschen, die Gesichter nicht erkennen können.
Dortmund (dpa) - Laura ist 16, geht zur Realschule und ist
eigentlich eine völlig normale Jugendliche - wäre da nicht ihre
ausgeprägte Schwäche im Fach Mathe, vor allem in Geometrie. Warum das
so ist, wurde erst jüngst entdeckt: Laura (Name geändert) kann trotz
sehr guter Augen keine Linien erkennen. Hält man ihr schwarze
Rechtecke auf einer weißen Platte vor, sieht sie nur schwarz, ebenso
bei einer weißen Platte mit vielen schwarzen Linien. Grund sind
Störungen im Gehirn.
«Schätzungsweise acht von zehn Kindern, die durch Sauerstoffmangel
unter der Geburt oder durch einen Unfall motorisch beeinträchtigt
sind, haben visuelle Probleme», sagt die Rehabilitationsforscherin
Prof. Renate Walthes von der TU Dortmund. Mit dem Thema zerebral
bedingter Sehbeeinträchtigungen besonders bei Kindern befasst sich am
Freitag und Samstag ein internationaler Kongress an der Hochschule.
Die Symptome sind vielfältig, eine genaue Diagnose zumeist
schwierig: Manche Menschen haben Probleme, sich im Raum zu
orientieren. Sie finden etwa in einem Gebäude nicht von einem Ort zum
anderen. Andere können es nicht vertragen, wenn sie schnelle
Bewegungen sehen - etwa die Mundbewegungen beim Sprechen - und
schauen lieber weg. In einem Fall fiel eine Frau oft hin - bei ihr
wurde Epilepsie diagnostiziert. Es stellte sich jedoch heraus, dass
Bewegungen außerhalb ihrer Blickrichtung die Ursache waren: Kleine
Schilde an der Brille als «Scheuklappen» brachten Abhilfe.
Mitunter kommt es vor, dass Menschen sich keine Gesichter merken
können. Für einige sehen alle Gesichter gleich aus - allenfalls Mann
oder Frau und das ungefähre Alter werden noch erkannt. «Wir gehen
davon aus, dass zwei von hundert Menschen Gesichtserkennungsstörungen
haben», sagt Walthes. «Im Extremfall können die Menschen ihr eigenes
Bild im Spiegel nicht erkennen», sagt der Psychologe Prof. Claus-
Christian Carbon von der Universität Bamberg.
Die Auswirkungen solcher Störungen können immens sein. Guckt etwa
ein Kind immer weg, wenn es mit einem spricht, kann schnell Autismus
vermutet werden. «Wenn Kinder die sozialen Regeln und Erwartungen
ihrer Umwelt nicht erfüllen, wird dies selten auf visuelle Probleme
zurückgeführt», sagt Walthes. «Unter Umständen kann aus den
Auffälligkeiten eine falsche Diagnose resultieren, die das Leben des
Kindes maßgeblich bestimmt und Chancen verbaut.»
Wie weit verbreitet diese Störungen genau sind, ist unklar. Eine
niederländische Studie geht davon aus, dass etwa 30 bis 40 Prozent
der Kinder an Förderschulen für geistig Behinderte unerkannte
Sehprobleme haben. Eine Untersuchung von Walthes an einer
Förderschule für Körperbehinderte in Bochum bestätigte diese hohen
Zahlen: Die Forscher stellten bei mehr als 55 Prozent der Schüler von
vier Eingangsklassen zerebral bedingte Sehstörungen fest. Nur bei
wenigen von ihnen waren diese Störungen bereits vorher bekannt.
Mit der Tagung wollen die Dortmunder Forscher um Walthes nun ein
Projekt starten, bei dem das Thema von mehreren Fachrichtungen
untersucht wird, etwa von Augenärzten, Neurologen und
Neuropsychologen. «Wir wissen noch zu wenig darüber, was die
Schädigung eines visuellen Bereichs für die Entwicklung des Gehirns
bedeutet», erklärt Walthes.
Gab es bislang vor allem Studien mit Erwachsenen, sind nun weitere
Einzelfallstudien vor allem mit Kindern und Jugendlichen geplant.
Solche mit Lern- und Verhaltensproblemen sollen dabei auf zerebral
bedingte Sehbeeinträchtigungen untersucht werden. «Werden diese
festgestellt, entwickelt das Team gemeinsam mit den Familien und den
Fachleuten vor Ort alternative Strategien für Kommunikation, Lernen
und Orientierung.» Umfangreichere Studien sollen sich anschließen.
Ziel des von der Heidehof-Stiftung (Stuttgart) geförderten Projekts
ist der Aufbau eines Kompetenzzentrums «Sehen, Wahrnehmen, Lernen
verstehen».
# dpa-Notizblock
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- [Fakultät Rehawissenschaften](www.fk-reha.uni-dortmund.de)
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