Verbände schlagen Alarm: Ärztemangel immer größer
03.09.2010 10:48
Seit Jahren warnen Standesvertreter vor einem Ärztemangel. Jetzt
legen sie neue Zahlen vor. Ältere Mediziner ziehen sich zurück, der
Nachwuchs aber hat andere Vorstellungen vom Job, wandert aus oder
bricht das Studium ab. In vielen Regionen droht Unterversorgung.
Berlin (dpa) - Der Ärztemangel in Deutschland nimmt zu - und in
der Fläche wird die medizinische Versorgung immer lückenhafter. Dies
haben neue Erhebungen der Bundesärztekammer (BÄK) und der
Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) ergeben, die am Freitag in
Berlin vorgelegt wurden. Danach wird es bis zum Jahr 2020
voraussichtlich 7000 Hausärzte weniger geben als heute.
Hauptgründe: Immer mehr ältere Ärzte setzen sich zur Ruhe, ohne
dass es einen Nachfolger gibt. Viele Mediziner wandern zudem nach dem
Studium ins Ausland ab. Und der wachsende Frauenanteil bei Ärzten
führt dazu, dass weniger Vollzeitstellen besetzt werden können.
«Die Lücken in der ambulanten und stationären ärztlichen
Versorgung werden immer größer», schlagen die Ärzteverbände Alarm
.
Bis zum Jahr 2020 müssten allein im ambulanten Bereich 51 774 Ärzte
ersetzt werden, darunter 23 768 Hausärzte. Diese Prognose ergebe sich
aus dem Durchschnittsalter der Ärzte, das 2009 bei 51,9 Jahren lag.
Die Studie belege klar, «dass Ärztemangel kein irgendwann zu
erwartendes Phänomen ist, sondern akut droht», sagte KBV-Chef Andreas
Köhler. Und zwar im stationären und im ambulanten Bereich. Schon 2009
hätten in Sachsen-Anhalt 133 Hausärzte gefehlt, in Niedersachsen 219.
BÄK-Vizepräsident Frank Ulrich Montgomery sagte: «Kaum jemand
bestreitet noch, dass wir uns auf dem Weg in eine Wartelistenmedizin
befinden.» Die ambulante Versorgung in der Fläche nehme weiter ab.
Engpässe drohten bei Augen-, Frauen-, Haut- und Nervenärzten. Schon
jetzt seien in Kliniken 5000 Stellen unbesetzt. In zehn Jahren gingen
fast 20 000 Ober- und Chefärzte altersbedingt in den Ruhestand.
Die Probleme beginnen nach Darstellung der Verbände bereits im
Studium. Auf die 10 000 freien Medizinstudienplätze hätten sich im
vergangenen Jahr etwa 50 000 Abiturienten beworben. Im Jahr 2008 habe
es 76 042 Studenten gegeben, mehr als 60 Prozent waren weiblich.
«Doch nicht alle bringen ihr Studium zu Ende», hieß es. Zwischen
2003 und 2008 habe ein knappes Sechstel der Studienanfänger die
Ausbildung nicht abgeschlossen. Doch nicht alle Absolventen fingen
als Arzt in Deutschland an. Einige wanderten nach dem Studium ab.
Allein im Jahr 2009 zog es 2486 deutsche Mediziner ins Ausland.
Insgesamt sind gegenwärtig rund 17 000 deutsche Ärzte im Ausland
tätig. Köhler: «Diese Mediziner fehlen uns hier.» Viele
Medizinerinnen arbeiten später Teilzeit oder verzichten aus
familiären Gründen ganz auf den Klinik- oder Praxis-Job.
Deshalb müssten die Rahmenbedingungen attraktiver werden, hieß es.
Die nächsten Ärztegenerationen haben nach den Worten Köhlers ganz
andere Erwartungshaltungen hinsichtlich der Arbeitsbedingungen sowie
andere Ansprüche an Umfang und Qualität ihrer Freizeit.
Immer weniger junge Ärzte ließen sich in unterversorgten Gebieten
nieder. Daher sollten mehr Flexibilität möglich und wirtschaftliche
Risiken bei einer Niederlassung minimiert werden. Die Zukunft gehöre
weniger der Einzelpraxis, sondern zunehmend Berufsgemeinschaften.
Um den Ärztemangel abzubauen, müssen aus Sicht der Verbände die
Zahl der Studiumsabbrecher gesenkt und die Arbeitsbedingungen
verbessert werden. Auch sollte der zu erwartenden Ärztebedarf genauer
ermittelt werden. Einige Leistungen könnten an entsprechend
qualifizierte nicht-ärztliche Gesundheitsberufe abgegeben werden.
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