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Missbrauchsfälle in Österreich - Auch Sängerknaben betroffen

11.03.2010 18:27

   Wien (dpa) - Nach Deutschland gibt es auch in Österreich
immer mehr Enthüllungen über zum Teil Jahrzehnte zurückliegende
Missbrauchsfälle. Sogar bei den weltberühmten Wiener Sängerknaben
soll es sexuellen Missbrauch gegeben haben. Zwei ehemalige
Chormitglieder berichteten der Zeitung «Der Standard»
(Freitagausgabe) von sexuellen Übergriffen und übertriebenen
Disziplinarmaßnahmen in den 60er und 80er Jahren. Es habe
eine «Terror- und Angstatmosphäre geherrscht», sagten die heute 33
und 51 Jahre alten Betroffenen.

Einer der Männer, der als Orthopäde und Chirurg in Berlin
arbeitet, erzählte von Duschritualen unter Anwesenheit der
«Präfekten» genannten Erzieher. Diese hätten nackten Schülern Tip
ps
gegeben, wie sie sich die Genitalien waschen sollten. Zudem wurde er
selbst als Neunjähriger von einem älteren Schüler zu oralem Sex
gezwungen. Der andere ehemalige Sängerknabe, der als Psychologe in
München tätig ist, wurde bei einer US-Tournee unter anderem Zeuge,
wie ein Präfekt einem Schüler, der nicht essen wollte, den Mund
aufriss und Essen hineinstopfte.

Gleichzeitig wurden weitere Fälle innerhalb der katholischen
Kirche des Alpenlandes bekannt. Neben den Missbrauchsfällen in
Salzburg - wo ein Erzabt zurücktrat - und in Vorarlberg gab es am
Mittwoch und Donnerstag auch Vorwürfe gegen kirchliche Einrichtungen
in Oberösterreich und der Steiermark. Im Stift Kremsmünster bei Linz
werfen frühere Klosterschüler mehreren Geistlichen vor, sie in den
1980er Jahren vor anderen gedemütigt, geschlagen und sich an ihnen
vergriffen zu haben. Das Stift entschuldigte sich am Mittwoch bei
den Betroffenen, drei beschuldigte Geistliche hätten die Vorwürfe
bestätigt und seien ihres Amtes enthoben worden.

Bei den Beratungsstellen für Opfer sexuellen Missbrauchs
meldeten sich deutlich mehr Menschen als sonst, berichteten
österreichische Medien. Der Kardinal und Wiener Erzbischof Christoph
Schönborn forderte eine genaue Ursachenforschung für sexuellen
Missbrauch und erwähnte in diesem Zusammenhang erstmals auch den
Zölibat.

In der Oststeiermark soll ein Pfarrer in den 1970er und 1980er
Jahren bis zu 20 Jungen und Mädchen bei Firm- und Nachhilfestunden
sexuell missbraucht haben. Der im Burgenland als Priester tätige Mann
legte am Mittwoch sein Amt nieder. Er gab die Vorwürfe in einem
Interview mit der Wochenzeitung «Falter» zu: «Ja, es war Missbrauch.

Es tut mit furchtbar leid, aber ich bin seit 25 Jahren clean.

Die Kirche in Österreich kratzt sogar am Tabu-Thema
Zölibat: Man müsse die Opfer vor die Täter stellen und Schuld beim

Namen nennen, schrieb Schönborn in einem Kommentar für ein
Mitarbeitermagazin der Kirche. Es sei notwendig, nach den Ursachen
sexuellen Missbrauchs zu fragen: «Dazu gehört die Frage der
Priestererziehung genauso wie die Frage nach dem, was in der
68er-Generation mit der sexuellen Revolution geschehen ist. Dazu
gehört das Thema Zölibat genauso wie das Thema
Persönlichkeitsentwicklung.»

   Schönborn stelle mit dieser Aussage aber in keiner Weise «den

Zölibat in der katholischen Kirche des lateinischen Ritus in Frage»,
betonte die Erzdiözese Wien in einer Reaktion nach der
Veröffentlichung des Textes.

Innerhalb von zwei Tagen habe es bei den Beratungsstellen für
die Opfer sexuellen Missbrauchs mehr Anfragen gegeben als in den
acht Jahre davor, hieß es. Nach einer Umfrage der österreichischen
Nachrichtenagentur APA gibt es diesen Trend fast im ganzen Land -
zugleich steigt die Zahl der Kirchenaustritte. Rund 75 Prozent der
etwa acht Millionen Österreicher sind katholisch.
dpa cf/mib xx z2 bsj/ff