Tödliche Therapie - Arzt weist Mordversuchs-Vorwurf zurück Von Cornelia Herold, dpa
11.03.2010 16:27
Berlin (dpa) - Die Therapiesitzung im Norden Berlins beginnt im
September 2009 harmonisch. Zur Einstimmung wird Musik gehört. Die
Patienten erzählen von ihren Wünschen. «Ich habe eine kleine Dosis
LSD genommen, die mich öffnen und einfühlsam machen sollte», erinnert
sich der 51-jährige Arzt und Therapeut. Gegen Mittag werden die
ersten Drogen verteilt, alle sind entspannt. Stunden später ist aus
dem Selbsterfahrungsnachmittag eine tödliche Therapie geworden. Zum
Prozessbeginn am Berliner Landgericht gesteht der Arzt am Donnerstag
unter Tränen: «Ich bin für den Tod von zwei Menschen verantwortlich
».
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Facharzt für Psychotherapie
Körperverletzung mit Todesfolge und versuchten Mord vor. Er soll
einen der vergifteten Patienten vor der zu spät gerufenen Notärztin
versteckt haben. Der eine stirbt noch in der Praxis, ein zweiter im
Krankenhaus an einer Überdosis Ecstasy. Den Vorwurf des versuchten
Mordes, der im Zentrum des Prozesses steht, bestreitet der
Angeklagte. Im dunkelgrauen Anzug, blass und abgemagert von der
Untersuchungshaft, erscheint er im Landgericht und lächelt verhalten
in Richtung Zuschauerbänke.
Dann schildert der vierfache Vater die sich dramatisch zuspitzende
«psycholytische Intensivsitzung» in den Räumen seiner Praxis im
Berliner Norden. Schließlich versagt ihm die Stimme. Tränen fließen.
Verteidiger Ferdinand von Schirach liest den Schluss der Erklärung
vor, in der sich der Arzt «zu großer Schuld und Trauer» bekennt: «I
ch
habe den Umgang mit den chemischen Substanzen völlig falsch
eingeschätzt, das musste ich auf schreckliche Weise erfahren.» Die
Ohnmacht, es nicht wieder gutmachen zu können, sei unerträglich.
Nachmittags erhalten einige aus der Gruppe der zwölf Patienten
Ecstasy. Es kommt Unruhe auf. Ein 59-jähriger Frührentner hat Panik
in den Augen. «Ich beschloss das erste Mal in einer solchen Sitzung,
medikamentös einzugreifen», schildert der Therapeut, umrahmt von drei
Anwälten, die Situation. Er spritzt Valium. Ein 28-jähriger Student
kommt ihm ängstlich vor und erhält eine Spritze mit Morphium.
Anderen Patienten wird übel. Einige zittern und übergeben sich.
Ein Mann alarmiert mit seinem Handy die Feuerwehr. Eine Notärztin
versucht, den bewusstlosen Frührentner wieder zu beleben. Ohne Erfolg
- er stirbt noch in der Praxis. Der Student wurde unterdessen in die
Privaträume des Arztes gebracht. Die Staatsanwaltschaft geht davon
aus, dass der 28-Jährige verborgen wurde, um die Drogen zu
vertuschen. «Das ist absurd, ich wollte helfen und nicht schaden»,
wehrt sich der Therapeut im Gerichtssaal. Die Eltern des Toten sitzen
dem Angeklagten als Nebenkläger gegenüber.
Auf der Fahrt zur Polizei sei ihm erstmals der Gedanke gekommen,
dass eine kaputte Waage zu der Überdosis des Ecstasypulvers
geführt haben könnte, sagt der Therapeut. «Zuvor bin ich fest davon
ausgegangen, dass die verabreichten Mengen keine körperlichen Schäden
verursachen.» Verteidiger von Schirach argumentiert mit einer
Selbstverantwortung der Patienten. Ärzte seien heutzutage nicht mehr
die Halbgötter in Weiß, man könne die Verantwortung nicht auf sie
abladen. Die Patienten hätten genau gewusst, was ihnen gegeben wurde,
sagt von Schirach am Rande des Prozesses.
Das Geschehene sei eher ein Unfall. Sein Mandant sei kein
Verbrecher, auch für ihn handle es sich um eine persönliche
Katastrophe. Fragen will der Therapeut zur Zeit nicht beantworten. An
diesem Montag sollen die ersten Zeugen vernommen werden.
[Landgericht]: Turmstraße 91, 10559 Berlin
dpa he yybb z2 rk






























