Schweinegrippe: Alles nur Panik? Von Aliki Nassoufis und Simone Humml, dpa
11.03.2010 12:38
Berlin (dpa) - Noch vor einigen Monaten überschlugen sich die
Meldungen über die Todesopfer der Schweinegrippe und eine gefährliche
Epidemie. In Arztpraxen standen Menschen Schlange, um sich gegen den
Erreger impfen zu lassen. Mittlerweile jedoch scheint die
Schweinegrippe-Saison nahezu abgeklungen. Die Arbeitsgemeinschaft
Influenza des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin registrierte in
ihrem aktuellen Wochenbericht bundesweit nur 43 neue Fälle der Neuen
Influenza. Ganz anders im November: Damals wurden in einer Woche über
45 000 Neuinfektionen gemeldet.
Von einer Entwarnung will das RKI dennoch nicht sprechen. «Die
weitere Entwicklung der Grippeaktivität kann nicht vorausgesehen
werden», erklärte Sprecherin Susanne Glasmacher. «Frühere
Influenzapandemien sind oft in mehreren Wellen aufgetreten.»
Bislang wurden dem RKI rund 226 000 Schweinegrippe-Fälle gemeldet.
Darunter waren 243 Todesfälle. Im Gegensatz zur normalen Grippe waren
die meisten der Opfer (79 Prozent) jünger als 60 Jahre. Die deutliche
Mehrheit, über 80 Prozent, hatte Vorerkrankungen.
Zum Vergleich: Im Vorjahreszeitraum mussten wegen einer starken
Grippe allein rund 18 700 Menschen ins Krankenhaus. Wie viele genau
an Grippe erkrankten, wurde nicht erfasst. Registriert wurde jedoch,
dass etwa 4,2 Millionen Erwachsene und Kinder mehr als sonst üblich
zu einem Arzt gingen. Auch die Todeszahlen sind wesentlich höher,
allerdings beruhen sie auf Schätzungen, und sie schwanken stark: 0
bis 80 Grippetote wurden laut RKI im Jahr 2000/2001 geschätzt, 12 000
bis 15 000 im Winter 2004/2005.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in 213 Ländern 16 455
Todesfälle registriert, und das Virus zirkuliere auf niedrigem Niveau
noch insbesondere in Teilen Südostasiens sowie Ost- und
Südosteuropas. Sie hatte im Juni die höchste Pandemie-Alarmstufe 6
ausgerufen. Diese sagt jedoch nichts über die Gefährlichkeit der
Viren aus, sondern nur über die Verbreitung. Auch die EU-Kommission
und viele Experten hatten damals darauf hingewiesen, dass die
Alarmstufe nur wegen der Ausbreitung des Virus erhöht worden sei.
Den Vorwurf, die Gefahr der Schweingrippe zugunsten von
Pharmakonzernen hochgespielt zu haben, weist die WHO deutlich zurück.
«Die WHO wurde nicht von der Pharmaindustrie unter Druck gesetzt»,
betonte der stellvertretende Generaldirektor der UN-
Sonderorganisation, Keiji Fukada, vor wenigen Wochen ausdrücklich.
Von «Panikmache» will auch das RKI nichts hören. Das RKI habe
sachlich über das Geschehen informiert, sagte Sprecherin Glasmacher.
«Es ist wichtig, die Unterschiede zu einer saisonalen Influenza zu
sehen.» Denn bei der jährlichen Grippewelle kenne man die
zirkulierenden Viren gut, der Impfstoff werde jährlich angepasst und
stehe rechtzeitig vor Beginn der Welle zur Verfügung. «Nun handelt es
sich um ein neues Influenzavirus, dessen weitere Entwicklung noch
nicht absehbar ist», sagte Glasmacher.
Zu Beginn der Welle habe daher kein Impfstoff zur Verfügung
gestanden. Außerdem seien anders als bei einer saisonalen Welle
schwere Verläufe und Todesfälle vor allem bei jüngeren Menschen
aufgetreten. Hinzu komme, dass in der Bevölkerung keine oder nur eine
beschränkte Immunität existiere. Bei der saisonalen Grippe hingegen
gebe es in der Bevölkerung einen gewissen Immunschutz, da in den
Jahren zuvor ähnliche Viren zirkuliert seien.
Nachdem abzusehen war, dass die Schweinegrippe-Saison milder als
erwartet verlief, verzichteten viele Menschen auf eine Immunisierung.
Hinzu kam eine Diskussion um Impfstoffverstärker. Die Länder könnte
das teuer zu stehen kommen, denn sie müssen vertragsgemäß 34
Millionen Dosen kaufen. Nach jüngsten Zahlen aus dem
Gesundheitsministerium von Niedersachsen wurden in Deutschland weit
weniger als 8 Millionen Menschen geimpft. Eine Dosis des Serums
kostet rund acht Euro. Und die Krankenkassen zahlen diese Summe nur,
wenn das Serum gespritzt wird. Daher wird versucht, den Impfstoff an
andere Staaten zu verkaufen.
Noch hat sich das Virus nicht ganz verzogen. In der EU ist es laut
EU-Seuchenbehörde ECDC insbesondere in Griechenland noch aktiv. Nach
Ansicht von Experten wie Prof. Alexander Kekulé von der Universität
Halle-Wittenberg kann das Virus im Herbst nochmal aufflackern, bleibe
voraussichtlich jedoch ungefährlich.
Die Schweinegrippe sei auch überschätzt worden, weil die
Pandemiepläne der Staaten und der WHO nur die Verbreitung neuer Viren
betrachten und nicht die Gefährlichkeit. Das müsse geändert werden,
forderte Kekulé in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur
dpa. «Die strikte Orientierung an den Phasen der WHO ist nicht
optimal, weil (die höchste) Phase 6 nicht zugleich eine globale
Katastrophe bedeutet, wie viele glaubten.»
(Aktuelle Grippezahlen: http://influenza.rki.de)
[RKI]: Nordufer 20, 13353 Berlin
dpa iki/hu yybb a3 k6 bj






























