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Schweinegrippe überschätzt - Pandemieplan ändern

11.03.2010 10:21

Halle (dpa) - Die Schweinegrippe könnte im Herbst erneut
aufflackern. Die Viren werden voraussichtlich aber nicht
gefährlicher, sagte der Mikrobiologe Alexander Kekulé von der
Universität Halle-Wittenberg. Um die Gefahr künftig besser
einzuordnen, seien Pandemiepläne nötig, die zwischen gefährlichen und

ungefährlichen Viren unterscheiden, ergänzte der Forscher in einem
Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Der Pandemieplan der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit seinen sechs Gefahrenstufen
reiche nicht aus.

Warum wurde die Schweinegrippe von der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) und vielen Wissenschaftlern überschätzt?

Kekulé: «Die WHO und auch die meisten Staaten hatten Pandemiepläne,
die nicht zwischen gefährlichen und eher harmlosen Grippeviren
unterscheiden. Man hatte sich auf eine Grippe vorbereitet, die
mindestens so schwer wie die Hongkong-Grippe von 1968, vielleicht
aber auch so schlimm wie die Vogelgrippe sein würde. Es gab aber auch
Fachleute, die von Anfang an erkannten, dass die Schweinegrippe
höchst wahrscheinlich nicht so gefährlich wird.»

Welche Lehren kann man daraus ziehen?

Kekulé: «Wir müssen die öffentlichen Pandemiepläne erstens an die

Möglichkeit verschieden gefährlicher Viren anpassen. Ich verwende
dafür schon seit vielen Jahren ein abgestuftes Schema, bei dem in
mehreren Szenarien geplant wird. Das sollten auch die Bundesländer so
oder ähnlich übernehmen. Zweitens ist die strikte Orientierung an den
Phasen der WHO nicht optimal, weil Phase 6 nicht zugleich eine
globale Katastrophe bedeutet, wie viele glaubten. In den von mir
erstellten Pandemieplänen verwendeten wir eine andere Einteilung, die
sich jetzt als vorteilhaft erwiesen hat. Drittens müssen wir
bezüglich der Impfstoffe Lehren ziehen.»

Was kann Deutschland beim Impfstoff künftig besser machen?

Kekulé: «Der Impfstoff kam später als von vielen angekündigt, dann

gab es auch noch Produktionsengpässe. Das Schnellverfahren der
Zulassung der EU, auf das man hier so stolz war, hat zu einer
späteren Zulassung des Impfstoffes geführt als in den USA, wo man die
Impfstoffe nach dem normalen saisonalen Schema hergestellt und
zugelassen hat. Ein Problem war auch, dass man in den Verträgen aus
dem Jahr 2007 bereits festgelegt hat, dass nur mit einem Adjuvans
verstärkter Impfstoff geliefert wird. Als man dann endlich zugeben
musste, dass der Verstärker nicht nötig ist, konnte Deutschland aus
den Verträgen nicht mehr raus. Meines Erachtens sollte die
Impfstoffversorgung für landesweite Notfälle und Pandemien ohnehin
nicht ausschließlich in privater Hand liegen.»

Kann das Virus noch mal aufflackern und dann vielleicht stärker?

Kekulé: «Das Virus könnte im Herbst noch einmal zur Influenza-Saison

auftreten. Dass es deutlich gefährlicher wird, habe ich immer
bezweifelt und glaube es nach wie vor nicht. Trotzdem ist es
eventuell sinnvoll, dagegen eine Komponente in die saisonalen
Impfstoffe einzubeziehen. Leider muss dann eine Komponente gegen eine
andere, saisonale Virusvariante weggelassen werden. Das ist eine
schwere Entscheidung.»

Interview: Simone Humml, dpa
dpa hu yyzz a3 k6 ch



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