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Zehn Jahre Bologna - Politik gelobt Besserung Von Karl-Heinz Reith, dpa

10.03.2010 16:53

Berlin/Wien (dpa) - Die Bologna-Reform mit der Einführung der
Bachelor- und Masterstudiengänge trieb im vergangenen Jahr die
Studenten in vielen Ländern Europas auf die Straße. Besonders heftig
waren die Proteste in Deutschland und Österreich. Auf zwei
Konferenzen in Wien und Budapest wollen die Wissenschaftsminister von
46 Staaten an diesem Donnerstag und Freitag Besserung geloben. Die
«kritischen Stimmen» von Studierenden und Lehrpersonal sollen künftig

bei der Weiterentwicklung des europäischen Hochschulraumes stärker
Gehör finden.

«Der Bologna-Prozess missinterpretiert und von den Regierungen als
Sparmodell missbraucht» - lautet vielfach das Fazit der
Studentenproteste heute. Doch vor zehn Jahren, als sich die EU-
Wissenschaftsminister in der italienischen Hochschulstadt Bologna
über die Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraumes
verständigten, stand ein Traum am Anfang. Es war die Vision von einem
Studium ohne Grenzen für weit mehr als 15 Millionen Studenten an über
5000 Hochschulen Europas und angrenzender Staaten - ohne lästigen
Anerkennungsstreit von Leistungsnachweisen und ohne Visa-Probleme.

An den Zielen von einst wollen weder Studenten und Professoren
noch die Politiker rütteln. Doch offen räumen die Minister im Entwurf
ihrer Wiener Jubiläumserklärung Nachbesserungsbedarf ein: Lernende
wie Lehrende sollen künftig an der Reform stärker beteiligt werden.
Die Lehre müsse besser werden, die Betreuung intensiviert und bei
einem Hochschulwechsel ins Ausland sollen Studienleistungen leichter
anerkannt werden. Die deutschen Kultusminister haben dazu bereits
ihre Hausaufgaben gemacht und eine große Liste mit Kurskorrekturen
vorgelegt - die jetzt auf Umsetzung warten.

Auch die Hochschulrektoren räumen ein, dass in Sachen
Leistungsanerkennung der in Bologna und in Lissabon von der Politik
beschworene Geist der Internationalität «noch nicht wirklich mit
Leben erfüllt» ist. Aber auch innerhalb Deutschlands ist durch die
Ausdifferenzierung des Bachelor-Studienangebotes ein Hochschulwechsel
häufig nicht leichter, sondern eher schwerer geworden.

Dabei hat sich auch so mancher deutscher Sonderweg bei der
Einführung der aufeinander aufbauenden Bachelor- und
Masterstudiengänge als Irrweg und Problemfall erwiesen. Da ist zum
Beispiel der Umstand, dass der überwiegende Teil der Bachelor-
Studiengänge bis zu einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss an
deutschen Universitäten nur auf sechs Semester ausgelegt ist - anders
als etwa in Großbritannien. Das führt hierzulande vielfach zu der
beklagten Stofffülle, Prüfungsdichte und Verschulung.

«Wie ein Hamster im Laufrad» - so beschrieb der Bachelor-Kritiker
und Hochschulverbands-Präsident Bernhard Kempen die Studien- und
Lebenssituation der Studenten heute. Die Soziologin Jutta Allmendiger
fürchtet gar angesichts von achtjährigem Turbo-Gymnasium und
verschultem Bachelor-Studium «einen Verlust an Kreativität» bei den
jungen Menschen.

Besonders umstritten ist der Wunsch der deutschen Universitäten,
nach dem Bachelor die Studenten für den wissenschaftlich
weiterführenden Master nach eigenen Kriterien aussuchen zu können.
Ein Rechtsanspruch auf die Master-Zulassung soll es anders als beim
Bachelor nicht geben - gleich wie gut die Noten sind.

Der Bachelor für die Masse - der Master nur noch für eine
ausgewählte Klasse? Der «Erfinder» dieser Konstruktion, der frühere

Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Winfried Schulze, muss sich
deswegen vielfältiger Kritik erwehren - vor allem von Kollegen. Sie
werfen ihm die Preisgabe des klassischen deutschen Universitätsideals
vor, weil durch die Zweiteilung des Studiums die Studenten nicht mehr
von Anfang an durch Teilhabe an Forschung herangebildet werden.
Schulze kontert und wirft seinen Kritikern ein «Humboldt-Syndrom»
vor. Spätestens seit Entstehung der Massenuniversität Ende der 60er
Jahre sei dieses Ideal ohnehin obsolet geworden.

Doch vor allem in den Studiengängen, wo es noch keine klaren
Aussagen über die berufliche Verwertbarkeit des Bachelors gibt,
grassiert häufig vom ersten Semester an die Angst, später nicht zum
Master zugelassenen zu werden. «Das führt zu einem unproduktiven
Leistungsdruck», konstatiert der Hochschulforscher Tino Bargel. Die
neun Technischen Universitäten in Deutschland pochen darauf, dass für
ihre Studiengänge im Ingenieurwesen und in Naturwissenschaften der
Master der «Regelabschluss» bleibt.

Nur Juristen und Mediziner haben sich bisher des Bachelors-
Stresses erwehren können und pochen weiter auf das bisherige
Staatsexamen. Massiv unterstützt werden sie dabei von der mächtigen
Lobby ihrer Berufsverbände. Und auch die Justizministerkonferenz will
von einer Änderung der juristischen Ausbildung vorerst nichts wissen.
dpa th yydd a3 k6 ol



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