Gutachten bietet Sprengstoff fürs Gesundheitswesen Von Basil Wegener, dpa
30.06.2009 16:29
Berlin (dpa) - Die Szenarien sind düster. Immer mehr Ältere und
mehr Menschen mit mehreren Krankheiten gleichzeitig setzen
Gesundheitswesen und Pflege unter Druck. Ärzten warnen vehement vor
Einschnitten für Kassenpatienten. Ein neues Gutachten setzt nun
Vorschläge für eine umfassende Therapie dagegen. Der
Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im
Gesundheitswesen plädiert für eine komplette Neuordnung bei Ärzten,
Kliniken und Apothekern. «Für alle ist Sprengstoff drin», sagt
Ratsmitglied Gerd Glaeske.
Die Zahl der Mediziner steigt seit Jahren - im Jahr 2008 um 1,9
Prozent. Rund 154 000 Ärzte arbeiten in Krankenhäusern, 138 000
ambulant. Trotzdem sehen die von der Bundesregierung eingesetzten
Gutachter die «Primärversorgung» in Gefahr, also den Zugang der
Menschen zum Hausarzt um die Ecke. Es hapert folglich bei der Planung
und Verteilung. «Der Beruf ist nicht attraktiv genug», sagt der
Sachverständige Ferdinand M. Gerlach.
Dabei ist vor allem konstante Begleitung der immer zahlreicheren
Senioren mit mehr als zwei chronischen Krankheiten verstärkt nötig.
Die Zahl allein der Pflegebedürftigen dürfte von 2,1 Millionen auf
bis zu 4,4 Millionen im Jahr 2050 steigen. Schon heute werden viele
über 65-Jährige laut Gutachten zu sorglos mit wenig abgestimmten
Medikamenten-Cocktails behandelt - Nebenwirkungen inklusive.
Wenig Effizienz, falsche Anreize, ineffektive Konkurrenz - die
Forscher finden deutliche Worte für das heutige Nebeneinander von
Medizinern, Kliniken und Apothekern in Deutschland. So kommt es, dass
sich ein Patient durchschnittlich 18 Mal im Jahr zu einem Arzt
begibt, die Sprechstunden aber um ein Drittel kürzer sind als in
anderen EU-Ländern. «Sechs bis sieben Patientenkontakte sind für
vergleichbare Länder typisch», sagt Glaeske.
Die vorherrschende Medizin im Minutentakt hat ihre Hauptursache
trotz Ärzte-Honorarreform nach Überzeugung der Forscher immer noch in
den Bezahlungsregeln. Praxisärzte verdienen immer noch, wenn
Patienten krank sind und häufig einbestellt werden, wie Gerlach
diagnostiziert. Der Sachverständigenrat schlägt die Bezahlung per
Pauschale im Voraus vor. Erwünschter Effekt: Je gesünder die
Patienten sind, je seltener sie zum Arzt gehen, desto mehr haben am
Ende alle Beteiligten davon.
Solche Pauschalen könnte die Krankenversicherung nach Ansicht der
Forscher nicht nur für einzelne Ärzte zahlen. Es könnten auch
Apotheker einbezogen werden, die sich dann mehr anstrengen müssten,
den Versicherten passgenaue Mittel zu geben. «In diesem System sind
die Partner daran interessiert, dass die Leute wenig kommen», sagt
Glaeske. Er ist davon überzeugt: Patienten könnten profitieren - zum
Beispiel die 300 000 Menschen, die heute jährlich wegen unerwünschter
Wirkungen von Therapien ins Krankenhaus kommen.
Eine kleine Revolution haben sich die Experten auch für Fachärzte
und Kliniken ausgedacht. Anstatt unter völlig unterschiedlichen
Bedingungen auf dieselben Leiden von immer mehr chronisch Kranken
angesetzt zu sein, sollten Bezahlung sowie Genehmigung neuer
Behandlungen vereinheitlicht werden. Glaeske meint: «Viele Fachärzte
müssten sich bei einer Umsetzung der Vorschläge warm anziehen.»
Die schier unendliche Geschichte der Gesundheitsreformen in
Deutschland lehrt, dass sich die Standesvertreter dagegen stemmen,
wenn sie ihre Position bedroht wähnen. Der Vorsitzende des
Sachverständigenrats, Eberhard Wille, gibt sich dennoch unverdrossen:
«Wenn wir nicht versuchen, solche Dinge in Angriff zu nehmen, werden
wir die Probleme nie lösen.» Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt
(SPD) unterstützt die Vorstöße gegen Beharrungskräfte des
Gesundheitswesens. Sie warnt aber vor zu großen Hoffnungen:
«Resistent ist es schon.»
dpa bw yydd a3 as






























