Ärzte fehlen - Experten fordern umfassende Reform
30.06.2009 15:17
Berlin (dpa) - Der drohende Ärzte- und Pflegermangel macht aus
Expertensicht eine völlige Neuordnung des Gesundheitswesens nötig.
«Die Gefahr besteht, dass die flächendeckende primärärztliche
Versorgung auf Dauer nicht mehr gewährleistet werden kann», sagte der
Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung
im Gesundheitswesen, Eberhard Wille, am Dienstag in Berlin. «Wir
stellen mit Sorgen fest, dass es zu wenig Hausärzte gibt», sagte
Ratsmitglied Ferdinand M. Gerlach. Bundesgesundheitsministerin Ulla
Schmidt (SPD) unterstützte die Reformvorschläge bei der Entgegennahme
des Gutachtens 2009.
«Die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen steigt», sagte Wille
angesichts der immer zahlreicheren Älteren in Deutschland. Die Zahl
der Pflegebedürftigen nehme von 2,1 Millionen auf 3,5 bis rund 4,4
Millionen im Jahr 2050 zu. «Der Anteil der Menschen, die für die
Versorgung zur Verfügung stehen, schrumpft», warnte Wille zugleich.
Schon heute gibt es laut Gutachter vor allem in Ostdeutschland und
manchen Großstadtvierteln zu wenig Ärzte. Nötig sei künftig auch me
hr
und besser auf die Bedürfnisse abgestimmte Pflege, sagte die
Sachverständige Adelheid Kuhlmey. Koordinationsmängel behindern
laut Gutachten bereits heute eine optimale Versorgung.
Die Sachverständigen bemängelten zudem, dass Kinder und Ältere oft
unnötig oder riskant viele Medikamente erhalten. Bei den über 65-
Jährigen bekämen 35 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen neun
oder mehr Wirkstoffe in Dauertherapie. Nebenwirkungen seien ein
Kernproblem. Zwei von drei über 65-Jährige hätten mindestens zwei
chronische Krankheiten. «Trotz der steigenden Bedeutung der
Mehrfacherkrankungen (...) gibt es nur sehr wenige Leitlinien, die
sich auf ältere Patienten mit mehreren chronischen Erkrankungen
beziehen», bemängeln die Forscher. Sie fordern die Einführung von
Listen mit problematischen Mitteln.
Auch bei der Versorgung von Kindern sehen die Forscher trotz
insgesamt positiver Ergebnisse Verbesserungsbedarf. So bekämen
Kinder unbegründet oft Psycho-Stimulanzien sowie Antibiotika bei
Infektionen mit Viren. Programme zur Gesundheitsförderung von Kindern
und Jugendlichen hätten «gravierende Defizite». Den immer mehr
Minderjährigen mit dem ADHS-Syndrom müsse mehr mit Therapien statt
einseitig mit Arzneimitteln geholfen werden, sagte Wille. Derzeit
haben bereits acht Prozent der Kinder das sogenannte «Zappelphilipp»-
Syndrom. Spezielle Sprechstunden für Heranwachsende sollten erprobt
werden.
Wille plädierte für ein «Zukunftskonzept». Ärzte, Kliniken und
Apotheker sollten künftig stärker nach Bedarf bezahlt werden und
nicht mehr nach einzelnen Diagnosen und Behandlungen. Ärzte
verdienten dann nicht mehr an Kranken, sondern an Gesunden, sagte
Gerlach. «Wir wünschen, dass die Patienten besser betreut werden,
dass mehr Zeit für sie bereitsteht.» Schmidt sagte, altes Denken in
den Einzelsektoren des Gesundheitswesens könne man sich nicht länger
erlauben. «Die Analysen und Empfehlungen des Rates werden uns helfen,
das Gesundheitssystem besser auf die Bedürfnisse aller Generationen
auszurichten.»
dpa bw yydd z2 as



