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Eines der geheimnisvollsten Bücher - authentisch oder gefälscht? Von Rudolf Grimm, dpa

05.08.2008 17:08

Hamburg (dpa) - Wer schreibt mit der Hand gestochen-klar 246
Seiten in einer einzigartigen Geheimschrift? Und warum? Die Fragen
haben konkrete Bedeutung, denn es gibt ein solches anonymes
Manuskript, in Form eines aus Lagen von Pergament-Blättern
zusammengehefteten Buchs, die meisten Seiten, ebenfalls rätselhaft,
illustriert. Es wird seit dem Jahr 1969 in der Beinecke-Bibliothek
seltener Bücher der Yale University in New Haven im US-Bundesstaat
Connecticut aufbewahrt.

Der Band wurde 1912 von dem in Litauen als Michal Habdank-Wojnicz
geborenen Buchhändler und -sammler entdeckt, der sich nach seiner
Niederlassung im Westen (London, dann New York) Wilfrid Michael
Voynich nannte. Fundort waren die Buchbestände des Jesuiten Kollegs
in der Villa Mondragone in Frascati bei Rom. Obwohl niemand den etwa
170 000 Schriftzeichen umfassenden Text lesen kann, ist er sowohl als
authentisch wie auch als Fälschung gedeutet worden.

Die Zeitschrift «Skeptiker», herausgegeben von der Gesellschaft
zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) im
hessischen Roßdorf, widmet jetzt dem «Voynich-Manuskript» einen 10-
Seiten-Beitrag mit zahlreichen Abbildungen. Sein Autor, GWUP-Mitglied
Klaus Schmeh, veröffentlichte im vergangenen Jahr ein Buch mit dem
Titel «Codeknacker gegen Codemacher» über die Geschichte der
Verschlüsselungstechnik und historische Verschlüsselungsrätsel (W3L-
Verlag, Bochum).

Schmeh riskiert keine Deutung von Voynichs Fund, macht aber
deutlich, dass keine der bisherigen Theorien unanfechtbar ist. Für
den Fall eines authentischen Werks aus vergangenen Jahrhunderten
erscheint ihm am wahrscheinlichsten, dass die Identität des
Verfassers im Laufe der Zeit verlorenging. Für eine zweite plausible
Theorie hält er die einer Fälschung aus dem frühen 20. Jahrhundert.

In diesem Fall wäre Voynich selbst der naheliegendste Verdächtige,
schreibt Schmeh. Eine Option sei aber auch, dass er das Opfer eines
Fälschers war. Da die Beinecke-Bibliothek keine Altersbestimmung mit
physikalischen oder chemischen Methoden zulässt, entfällt eine
Möglichkeit, Hypothesen unwidersprechbar als falsch zu befinden.

Ein Namenseintrag auf der ersten Seite des Manuskripts besagt,
dass es im 17. Jahrhundert einem böhmischen Pharmazeuten namens
Jacobus Sinapius gehörte. Weitere Informationen liefert ein Schreiben
aus dem Jahr 1666, das nach Angaben Voynichs dem Manuskript beilag.
Es nennt einige weitere Vorbesitzer. Wie es berichtet, machte einer
von ihnen sogar eine Aussage über den Urheber. Danach wäre dieser der
englische Mönch und Universalgelehrte Roger Bacon (1214-1294).

Dies gilt jedoch vorwiegend als unwahrscheinlich. Experten sind
sich darüber einig, dass das Buch keinen Bezug zu anderen Werken des
Engländers aufweist. Schmeh vermutet, dass Vorbesitzer es ihm in der
Absicht zuschrieben, den Wert des Werks zu erhöhen. Er macht auch
darauf aufmerksam, dass Pflanzenbilder der Art, wie sie zur
Illustration in dem Manuskript verwendet wurden, erstmals im 14.
Jahrhundert vorkamen.

Zwar lässt sich keine der abgebildeten Pflanzen eindeutig
identifizieren, doch erscheint es einigermaßen sicher, dass sie
Heilkräuter sind. Das stützt auch die Hypothese, dass das Werk sich
an Ärzte und Apotheker gewandt habe. Andere Bilder zeigen nackte
Frauen in großen Wasserwannen. Dicke Bäuche haben vermuten lassen,
dass viele der Frauen schwanger sind und dass es - in Verbindung mit
der Heilpflanzendeutung - in dem Manuskript auch um Abtreibung gehe.

Schmeh hält die Abtreibungstheorie für wenig plausibel. «Warum
benötigt man für eine Abtreibung Hunderte von Pflanzen? Warum muss
man für die Erklärung einer Abtreibung Dutzende von Schwangere
zeichnen?», schreibt er. Bilder von Himmelskörpern und Sternzeichen
und solche mit kosmologischen Bezügen haben auch die Vermutung
aufkommen lassen, dass sich das Werk an Astrologen und Magier wandte.

Einer der jüngsten Anstöße zu lebhaften Diskussionen über das
Thema war im April vergangenen Jahres ein «Spiegel Online»-Beitrag
mit der Überschift «Physiker hält mysteriöse Mittelalter-Schrift f
ür
Schabernack». Er galt einer Analyse des Manuskripts durch den
österreichischen Physiker Andreas Schinner (Johannes-Kepler-
Universität in Linz). Dieser war zu der Auffassung gelangt, dass das
Pergamentbündel das Produkt eines raffinierten Fälschers sei, das nur
bedeutungslosen Unsinn enthalte. Schinner hatte unnatürliche
Regelmäßigkeiten in der Wortfolge festgestellt, die in keiner
bekannten Sprache vorkommen.

Dabei erhebt sich allerdings die Frage: Verfasst jemand ein Buch
mit 246 Seiten Geheimschrift und Hunderten Bildern aus Spaß am
Schabernack? Der «Skeptiker»-Autor glaubt, dass in der
kunstgeschichtlichen Auswertung des Buchs sowie auch in der
Textdeutung das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Schmeh hat die
Hoffnung auf weitere interessante Forschungsergebnisse. Indessen
möchte er das Thema nicht zu sehr als «Spielball von Esoterikern und
Pseudowissenschaftlern» sehen.
dpa gr yyzz a3 mm