Regierung will Deutschland in Form bringen - Kritik von Verbänden
25.06.2008 15:24
Berlin (dpa) - Die Bundesregierung will dem Übergewicht der
Bundesbürger stärker zu Leibe rücken und Deutschland in Form bringen.
Das Kabinett billigte am Mittwoch einen bundesweiten Aktionsplan für
gesunde Ernährung und mehr Bewegung mit dem Titel «In Form». Der Bund
stellt dazu 30 Millionen Euro bis 2010 bereit. Mit Kampagnen in
Schulen, Kindergärten, Betriebskantinen, Sportvereinen und
Seniorenheimen sollen die Bundesbürger besser aufgeklärt werden. «Wir
setzen auf das Erlernen gesunder Lebensstile», sagte
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Damit sollten auch
milliardenschwere Krankheitskosten vermieden werden. Bis 2020 will
die Bundesregierung «sichtbare Ergebnisse» erreichen. Grüne, Linke
und Verbraucherverbände halten den Plan für unwirksam.
«Wir wollen nicht diskriminieren», sagte Verbraucherminister Horst
Seehofer (CSU). Es gehe darum, den Menschen beim Essverhalten zu
helfen. Verbote lehnt Seehofer ab. Mit der Wirtschaft soll über einen
Verzicht auf Werbung gesprochen werden, die sich an Kinder unter 12
Jahren richtet. Seehofer will sich für eine farbige Kennzeichnung von
Lebensmitteln einsetzen, bei der der Anteil an Fett, Zucker, Salz,
Kalorien und gesättigten Fettsäuren in Bezug zur empfohlenen
Tagesration angegeben wird. Die EU plant eine Kennzeichnungspflicht,
Seehofer will mit der Wirtschaft aber über eine freiwillige nationale
Regelung sprechen. Eine reine Ampel-Kennzeichnung, bei der Rot, Gelb
und Grün die Nährwertanteile angeben, lehnt er als zu einfach ab.
In Deutschland gelten zwei Drittel der Männer und die Hälfte der
Frauen zwischen 18 und 80 als zu dick. Unter Kindern und Jugendlichen
sind 15 Prozent übergewichtig oder fettleibig. Bis zu 70 Milliarden
Euro - ein Drittel der Gesundheitskosten - würden durch falsche
Ernährung und zu wenig Bewegung ausgelöst, sagte Seehofer. Pro Jahr
erkranken etwa 210 Kinder und Jugendliche nach Angaben von Schmidt
neu an der Zuckerkrankheit. Bei jungen Mädchen zeigen sich außerdem
zunehmend Essstörungen, bei Senioren Mangelernährung. Schmidt machte
sich für mehr Sport in Schulen stark. Sie warb auch für ein Gesetz
zur Gesundheitsvorsorge, das derzeit auf Eis liegt.
Die Bundesregierung rief Länder und Kommunen auf, sich zu
beteiligen. Vor allem die Länder seien wichtig, weil sie für Schulen
zuständig seien, sagte Seehofer. Die Angebote sollen besser vernetzt
werden. «In Deutschland soll ein Umfeld geschaffen werden, in dem
ausgewogene Ernährung und ausreichende Bewegung in allen
Lebensbereichen fest verankert sind», heißt es im Aktionsplan. Nötig
seien ein langer Atem und immer wieder neue Impulse, sagte Seehofer.
Seine Vorgängerin Renate Künast (Grüne) hatte bereits Kampagnen gegen
Übergewicht gestartet.
Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn hält den Aktionsplan für Alib
i-
Maßnahmen. «Übergewichtige Kinder werden so nicht erreicht», sagte
sie der dpa. Höhn fordert ein Werbeverbot für Süßigkeiten im
Fernsehen vor 20 Uhr. Die Linke-Verbraucherpolitikerin Karin Binder
kritisierte, dass ein kostenloses Schulessen nicht geplant sei. Der
FDP-Abgeordnete Hans-Michael Goldmann lehnte Werbeverbote ebenso ab
wie der Markenverband und die Druckindustrie.
Die Verbraucherzentralen forderten konkrete Maßnahmen. Der
Aktionsplan greife in wesentlichen Punkten wie der Kennzeichnung zu
kurz, die Finanzmittel reichten nicht. Die Verbraucherorganisation
Foodwatch verlangte ebenfalls eine Ampel-Kennzeichnung. Die Deutsche
Kinderhilfe forderte Ernährung als Schulpflichtfach.
(Internet: www.bmelv.de; www.bmg.bund.de)
dpa vr yydd z2 rh



